Jede von uns hat es. Einen Korb, eine Kommode, ein ganzes Zimmer voller Garn, an dem kein Projekt hängt. Und fast jede von uns trägt dabei ein leises schlechtes Gewissen mit sich herum. Dabei ist das Wolllager kein Charakterfehler. Es ist der sichtbare Beweis, dass wir an unser zukünftiges Leben glauben.

Der leise Widerspruch

Ich darf über das Verlangen nach Wolle schreiben, denn ich kenne es von innen. Bei mir ist es so groß geworden, dass am Ende ein ganzes Wollgeschäft daraus wurde. Und wenn ich ehrlich bin: ein Wollladen allein ist ein hartes Geschäft. Dass es trägt, liegt daran, dass Designarbeit, Anleitungen, Onlineshop und früher die Änderungsschneiderei zusammenspielen. Ich schreibe also nicht von außen über dieses Thema, sondern aus der Mitte eines sehr großen Wollhaufens.

Von außen betrachtet ergibt das Wolllager keinen Sinn. Wir kaufen Material für Projekte, die wir nie anfangen. Wir geben Geld aus für Garn, das jahrelang im Dunkeln liegt. Wer nicht strickt, sieht sofort den Widerspruch: Du strickst doch so gern, warum liegt das alles dann unberührt im Schrank? Doch die bessere Frage ist eine andere. Warum fühlt sich ungestrickte Wolle manchmal vollständiger an als ein fertiges Strickstück?

Drei Dinge, die nicht auf der Banderole stehen

Wenn ich ehrlich auf meine Knäuel schaue, kaufe ich beim Wollkauf nie nur Wolle. Ich kaufe drei Dinge gleichzeitig, und keines davon steht auf der Banderole.

Das Erste ist eine Möglichkeit. Ein Knäuel ungestrickte Wolle ist reines Potenzial. Solange es im Korb liegt, kann daraus noch alles werden: der perfekte Pullover, das Tuch, das genau zu dem einen Mantel passt. Es ist noch nichts schiefgegangen. Keine Maschenprobe, die nicht stimmt, kein Ausschnitt, der zu weit gerät, keine Farbe, die am Hals doch nicht schmeichelt. Solange das Garn ungestrickt ist, ist das Projekt noch perfekt. Wir kaufen nicht den Pullover, wir kaufen die Version von uns, die ihn strickt. Und die ist makellos. Möglichkeit ist Freiheit: Sie verpflichtet zu nichts und hält alle Türen offen. In dem Moment, in dem wir anschlagen, entscheiden wir uns für eine Sache und gegen tausend andere.

Das Zweite ist ein Moment. Die schönsten Garne kaufen wir selten im schnellen Klick zwischen zwei Terminen. Wir kaufen sie auf einer Reise, in einem kleinen Laden, auf einem Wollfestival, in diesem einen Augenblick, in dem wir das Garn zum ersten Mal anfassen und sofort wissen: das nehme ich mit. Dieses Garn trägt den Tag in sich, an dem es unseres wurde. Es ist ein Andenken zum Anfassen. Und manchmal verstricken wir es gerade deshalb nicht, weil verstricken auch verbrauchen heißt. Solange das Knäuel ganz ist, ist der Moment ganz.

Das Dritte ist Fülle. Ein gut gefülltes Lager ist ein Versprechen, dass uns nie etwas fehlen wird. Dass wir sofort anfangen können, wenn die Lust kommt, ohne auf Lieferzeiten zu warten oder zu hoffen, dass es die Farbe noch gibt. Viele von uns kennen dieses Gefühl von den eigenen Müttern und Großmüttern. Ein voller Vorratsschrank war Sicherheit, kein Luxus. Etwas dazuhaben, bevor man es braucht, war nicht Verschwendung, sondern Vorsorge. Wolle zu sammeln ist davon gar nicht so weit weg.

Warum wir es nicht verstricken

Möglichkeit, Moment, Fülle. Wenn man das nebeneinanderlegt, wird plötzlich klar, warum ein Teil von uns das Garn lieber liegen lässt. Verstricken löst alle drei Dinge auf. Aus der Möglichkeit wird ein konkretes Stück, das auch misslingen kann. Aus dem Moment wird Verbrauch. Aus der Fülle wird ein leeres Fach. Das hat nichts mit Faulheit oder mangelnder Disziplin zu tun. Das ungestrickte Knäuel enthält manchmal schlicht mehr als ein fertiges Projekt.

Kein Charakterfehler, sondern ein Archiv

Trotzdem reden wir über unseren Stash, als wäre er ein Beweisstück gegen uns. Du hast wieder gekauft. Du hast wieder angefangen, bevor du fertig warst. Und dann kommen die Vorsätze, die wir alle kennen und schon selbst gesagt haben: Ich kaufe nichts Neues, bis alles aufgestrickt ist. Dieses Jahr kaufe ich kein Garn. Nur noch aus dem Lager. Es gibt nicht das eine Stash-Down, es gibt hundert Varianten davon, und jede klingt ein bisschen nach Buße.

Aus dem Lager zu stricken ist eine schöne Sache. Es kann wunderbar sein, ein altes Garn wiederzuentdecken, befriedigend, Platz zu schaffen, klug, bewusster zu kaufen. Aber der Ton dahinter ist oft Strafe statt Vorfreude. Und genau da bleibe ich hängen. Vielleicht ist das Wolllager gar nicht der Beweis, dass wir maßlos sind, sondern der Beweis, dass wir an unser zukünftiges Leben glauben. Jedes Knäuel ist ein kleines Versprechen an die Frau, die wir noch werden. Es kommt noch ein Winter. Ein ruhiger Sonntag. Ein anderes Ich, das diese Farbe tragen will. Wer nichts auf Vorrat kauft, plant nur die nächste Woche. Wer ein Wolllager hat, plant ein ganzes Leben voller Projekte.

Das heißt nicht, dass wir endlos weiterkaufen müssen, und es ist auch nicht schön, wenn Knäuel verstauben und vergessen werden. Ich bin nicht gegen Aufräumen. Ich bin gegen die Scham. Der Unterschied liegt im Blick. Du kannst dein Lager anschauen wie eine Anklage oder wie ein Archiv von Vorfreude. Schau es dir diese Woche einmal an, nicht um auszumisten und nicht um dich zu bewerten, sondern nur, um zu sehen, was da eigentlich liegt. Vielleicht findest du ehrliche Fehlkäufe, Farben, die heute nicht mehr zu dir passen. Auch das darf wahr sein. Aber vielleicht findest du dort auch Möglichkeiten, die du dir aufgehoben hast, und eine leise, störrische Hoffnung auf die Frau, die noch Zeit haben wird. Dann ist dein Wolllager nicht nur Wolle. Dann ist es ein Archiv deiner Zukunft.

Wenn du dein Lager bewusst pflegen statt nur füllen willst, lohnt der Blick auf Garne, die das Aufheben wert sind. Ein naturbelassenes Semilla Pura GOTS von BC Garn altert schön und wartet geduldig auf sein Projekt. Ein handgefärbter Strang Alegria von Manos del Uruguay ist genau so ein Reise-Andenken zum Anfassen, das man nicht übers Herz bringt, schnell zu verbrauchen. Wer viel Alpaka mag, findet in Eco Puna von Amano ein ungefärbtes Garn, das sich anfühlt wie aufgehobene Zeit. Und damit aus dem Haufen ein Archiv wird und kein Chaos, hilft eine schlichte Ordnung, zum Beispiel mit den Mesh Project Bags von Cocoknits, in denen jedes künftige Projekt seinen eigenen Platz bekommt.

Claudia Wersing
Getaggt: Persönlich