Es gibt diesen Moment nach dem letzten Kapitel. Das Buch ist zu, die Hände liegen noch drauf, und im Brustkorb bleibt etwas sitzen, was sich weigert, mit dem Buchdeckel zu verschwinden. Bei mir passiert in genau diesem Moment etwas, das ich lange nicht bewusst wahrgenommen habe: Ich fange an zu sehen. Nicht das Buch. Sondern ein Motiv.
Gunnas Frage — bewusst oder assoziativ?
Vor knapp einem Jahr habe ich in meinem Strickcast über das Lesen von Romantasy gesprochen — über Bücher, die unter die Haut gehen, und über das Stricken als Möglichkeit, diese Gefühle zu halten. Eine Hörerin namens Gunna hat darunter kommentiert. Sie malt selbst und beschrieb, wie sie beim Malen Muster erzeugt, von denen sie erst im Nachhinein merkt, dass sie zu einem Buch gehören, das sie gerade gelesen hat. Bei ihr war es Der Schwarm von Frank Schätzing. Und dann kam ihre Frage an mich: Entwirfst du Muster, die zum Buch passen — oder läuft das assoziativ, wie beim Malen?
Diese Frage zerlegt das Geheimnis dahinter, wie Romantasy stricken bei mir tatsächlich funktioniert. Die ehrliche Antwort: beides. Aber nicht gleichzeitig. Sondern in einer bestimmten Reihenfolge. Am Anfang ist alles assoziativ. Am Ende ist fast alles Handwerk. Dazwischen liegt die eigentliche Arbeit.
Warum Bücher anders prägen als Serien
Serien legen die Bilder fest. Ich sehe ein Gesicht, ich sehe eine Landschaft, ich sehe einen Court — und damit ist es entschieden. Bücher geben mir die Freiheit, selbst zu bauen. Diese Freiheit ist die Voraussetzung für alles, was danach passiert. Ein Design, das aus einer Serie entsteht, ist Merchandise. Ein Design, das aus einem Buch entsteht, ist eine eigene Übersetzung. Genau deshalb läuft das, was ich tue, unter dem Dach Bookish Knits — meiner Untermarke für Designs, die aus Büchern wachsen.
Der Prozess in sechs Phasen
Wenn ich ehrlich bin, verschiebt sich die Antwort auf Gunnas Frage mit jeder einzelnen Phase.
Phase eins — das Lesen. Romantasy lese ich nicht nebenbei. Das Reich der sieben Höfe, Fourth Wing, Throne of Glass — das sind keine Bücher, die man konsumiert, das sind Bücher, die einen nehmen. Ich lese wegen der Emotionen. Wegen des Ziehens in der Brust, wegen der Sehnsucht, wegen des slow burn, der sich über drei Bände zieht. Manchmal tut das weh. Aber auch der Schmerz ist transformatorisch — wenn ich weine, ist das Weinen reinigend.
Phase zwei — das Nachklingen. Wenn das Buch zu Ende ist und das Gefühl nicht geht, fängt innerlich etwas an zu arbeiten, ohne dass ich es steuere. Im Hintergrund formt sich ein Bild. Keine Illustration des Buches, kein Filmposter im Kopf. Sondern ein Motiv. Eine Silhouette, ein Ornament, eine Form, die dieses bestimmte Gefühl halten kann. Hier habe ich keine Kontrolle. Und das soll auch so sein, denn jede Steuerung in dieser Phase würde nur Kitsch produzieren.
Genau hier kommt Schattenstrick ins Spiel. Schattenstrick ist eine Technik, bei der ein Motiv nicht von jeder Seite sichtbar ist — es liegt im Schatten, man erkennt es erst aus dem richtigen Winkel. Das passt zu der Sorte Gefühlen, über die ich rede. Sie sind da. Sie tragen einen. Aber sie sind nicht laut. Sie sind nichts, was man herzeigt. Sie sind etwas, das man bei sich hat.
Phase drei — die Skizze. Hier wechselt der Prozess von assoziativ zu bewusst. Ich nehme das innere Bild und reduziere es. Schwarz und weiß, keine Details, keine Schnörkel. Nur die Silhouette. Ich zeichne, ich radiere, ich zeichne nochmal. Wenn die Skizze stimmt, weiß ich es. Sie fühlt sich richtig an. Das ist nicht messbar, aber es ist eindeutig.
Phase vier — die Strickschrift. Jetzt wird es handwerklich. Die Skizze wandert in ein Strickprogramm, übersetzt in Kästchen, Reihe für Reihe, Masche für Masche. Bei Schattenstrick ist das ein langer Prozess, weil jede Reihe so gesetzt sein muss, dass das Motiv erst aus dem richtigen Winkel erscheint. Das klingt technisch — und das ist es. Aber es hat etwas Meditatives. Während ich vor dem Raster sitze, laufen die Szenen aus dem Buch noch einmal in meinem Kopf ab.
Phase fünf — das Material. Wolle aussuchen, Farben festlegen. Welches Garn trägt das Motiv? Welche Farbkombination hält die Stimmung des Buches? Diese Phase bekommt ihre eigene Zeit. Ich fasse an, ich lege nebeneinander, ich verwerfe. Manchmal entscheidet erst das Garn, wie das Stück am Ende wird.
Phase sechs — das Stricken selbst. Hier passiert das, was schwer in Worte zu fassen ist: Ich stricke Gefühle mit rein. Das klingt pathetisch, aber es ist wörtlich gemeint. Ich denke beim Stricken an die Szenen, an die Charaktere, an das, was das Buch mir gegeben hat — und während die Maschen entstehen, webe ich das Gefühl mit ein. Jedes lange Strickstück ist viele Stunden, viele Abende. Und jeder dieser Abende legt sich ab in dem Stück. Wie ein langes Gespräch, das sich in den Maschen speichert.
Das Tragen — Kleidung als emotionale Hausapotheke
Und dann kommt der Moment, der für mich der eigentliche Punkt ist. Das Tragen. Ein fertiges Stück ist bei mir kein Deko-Objekt. Es ist ein Speicher. Wie Musik, wie ein Geruch. Manche Lieder können uns in Sekunden in eine Situation zurückwerfen, die zwanzig Jahre her ist. Ein bestimmter Duft macht das gleiche. Und ein Strickstück, in das so viele Stunden mit bestimmten Gefühlen geflossen sind, kann genau das auch.
Das bedeutet: Ich kann diese Stücke benutzen. Bewusst. Brauche ich Trost — lege ich ein bestimmtes Tuch um. Brauche ich Mut — nehme ich ein anderes. Brauche ich Weichheit, Kraft, Stille — für alles gibt es ein Stück. Und je länger ich das mache, desto voller wird mein Schrank mit Werkzeugen für innere Zustände. Das ist keine Sammlung. Das ist eine Art emotionale Hausapotheke in Strickform.
Ein Motiv, viele Formen — The Familiar als Baukasten
In der Schattenstrick-Mitgliedschaft ist gerade ein Motiv live gegangen, das diesen Gedanken in eine konkrete Form bringt: The Familiar, ein Katzenkopf, per Abstimmung gewählt, zweifarbig, im Schatten liegend. Das Motiv ist ein Quadrat. Fünfundvierzig mal fünfundvierzig Zentimeter. Ein einziges Motiv — aber verschiedene Formen, in denen man es trägt. Als Kissen auf dem Sofa. Als Teil eines Tuches. Als Front eines Pullovers. Als Element einer Weste.
Der Grund, warum mir dieser Baukasten so wichtig ist, ist genau das: Dasselbe Gefühl kann unterschiedliche Formen brauchen. Manchmal will ich es bei mir haben, aber unsichtbar. Manchmal will ich es um mich legen. Manchmal will ich es anziehen. Das Motiv bleibt. Die Anwendung wechselt mit dem inneren Zustand.
Was am Ende bleibt
Zurück zu Gunnas Frage. Entwerfe ich Muster, die zum Buch passen, oder läuft es assoziativ? Am Anfang ist es rein assoziativ — da habe ich keine Kontrolle, und ich will sie auch nicht. In der Mitte wird es Handwerk. Und am Ende, beim Tragen, wird das Stück zu etwas, das seinen eigenen Sinn hat, unabhängig davon, aus welchem Buch es ursprünglich kam. Das Buch ist der Anlass. Das Stück ist der Speicher. Und dazwischen liegt ein sechsstufiger Prozess, der aus einem Gefühl eine Form macht, die ich jahrelang tragen kann.
Wer einmal anfängt, Romantasy zu stricken, hört nicht mehr auf. Weil das Stück am Ende mehr enthält als das Buch.
Garne, mit denen Schattenstrick seine Form findet
Schattenstrick lebt vom klaren Schattenspiel. Glatte, matte Garne mit gutem Stand zeigen das Motiv am besten. Bei den Bookish-Knits-Designs greife ich besonders gern zu Semilla GOTS von BC Garn — eine glatte, matte Bio-Schurwolle, die zweifarbige Strukturen sehr deutlich erscheinen lässt. The Merry Merino 140 von Kremke Soul Wool hält ebenfalls die Form, die Schattenstrick braucht, und ist farblich breit aufgestellt. Wer es rustikaler mag, nimmt Bio Shetland GOTS von BC Garn — das gibt dem Motiv einen leicht unruhigen, lebendigen Untergrund. Eine breite Auswahl an passenden Wintergarnen findest du in unserer Kollektion Winterwolle.
