Seide ist die einzige tierische Endlosfaser, die die Natur je erfunden hat. Stell dir vor: Eine kleine Raupe des Maulbeerspinners spinnt aus einem einzigen, durchgehenden Faden einen Kokon – bis zu 3.000 Meter lang. Für eine einzige Bluse brauchst du 800 dieser Kokons. Das ist nicht nur eine Faser, das ist ein Wunder. Und es ist auch ein Geheimnis, das China 3.000 Jahre lang hütete. Die Todesstrafe stand auf dem Export von Seidenwürmern oder deren Eiern. Erst im Jahr 555 nach Christus gelang es zwei Mönchen – der Geschichte nach versteckt in ihren Wanderstäben – das erste Zuchtpaar in den Westen zu bringen. Danach floss das Geld wie Wasser. In Rom wurde Seide mit Gold aufgewogen. Das war nicht einfach nur ein Trend – das war eine Obsession.
Die fünf Seidenarten, die du als Strickerin kennen solltest
Nicht alle Seide ist gleich, und das ist genau das Spannende. Seide ist wie ein Spektrum, und je nachdem, wie sie verarbeitet wird, bekommst du völlig unterschiedliche Fasern.
Maulbeerseide (auch Haspelseide genannt) ist die Premium-Version. Das ist der reine, ungebrochene Faden direkt aus dem Kokon. Die Farben sind brillant, leuchtend, fast als würde das Licht von innen kommen. Das innere Leuchten ist typisch für Maulbeerseide – es gibt keine andere Faser, die das kann. Das ist auch der Grund, warum sie teuer ist und warum sie sich so speziell anfühlt.
Schappeseide wird aus kürzeren Fasern gesponnen, die während der Verarbeitung anfallen. Sie ist weicher als Maulbeerseide, aber matter. Der Glanz ist feiner, nicht so intensiv. Oft findest du Schappeseide in Mohairgarnen, wo ein wenig Seidenanteil als Kernfaden dient und die Eigenschaften verfeinert. Sie ist auch preislich zugänglicher, was sie interessant für größere Projekte macht.
Bouretteseide entsteht aus den Resten des Kokons – den Teilen, die zu kurz sind oder zu fehlerhaft. Dadurch bekommst du eine noppige Struktur, trocken in der Hand, kaum Glanz. Aber hier steckt etwas Schönes drin: Bouretteseide enthält noch immer Seidenleim, den natürlichen Klebstoff der Raupe. Das macht die Faser hautberuhigend, anti-irritativ. Wenn du empfindliche Haut hast, kann Bouretteseide ein Gewinn sein.
Tussahseide (Wildseide) ist etwas anderes. Hier lässt man die Raupe aus dem Kokon schlüpfen, bevor man ihn verarbeitet. Dadurch wird der Kokon aufgerissen – die Faser wird kürzer und ungleichmäßiger. Aber Tussahseide hat einen natürlichen Goldton, warm und weich. Sie ist robuster als Maulbeerseide, nicht so serig. Für viele ist das sogar angenehmer zum Stricken.
Eri-Seide (Peace Silk) ist die gewaltfreie Methode. Hier wird die Raupe nicht getötet – sie befreit sich selbst aus dem Kokon und kann fliegen. Das klingt romanisch, und es ist auch eine bewusste Wahl. Aber das Interessante ist: Eri-Seide hat herausragende Klimaeigenschaften. Sie reguliert Körperwärme besser als viele andere Seiden, temperiert von Natur aus. Im Yarnstore findest du BC Garn Jaipur Peace Silk – eine feine, helle Seide, perfekt für den Sommer.
Seide hat kein Gedächtnis – und das ist das größte Problem
Hier kommt der kleine Schock: Seide dehnt sich. Sie dehnt sich deutlich. Und: Sie kommt nicht mehr zurück. Das ist das Gegenteil von Wolle. Wolle hat Gedächtnis – Wolle geht zu ihrer ursprünglichen Form zurück, wenn du sie wäschst. Seide tut das nicht. Ein Seiden-Pullover, den du nach drei Monaten Tragens gewaschen hast, sitzt anders als am ersten Tag. Die Ärmel sind länger, die Seitenlänge ist länger, es ist breiter. Das ist nicht das Garn, das ist die Faser selbst. Deshalb: Seide braucht ein anderes Strickprojekt-Mindset. Bündchen halten nicht. Wenn du an einem Seiden-Pullover mit Bündchen arbeitest – vergiss sie. Das Bündchen wird sich dehnen, und dann sitzt es nicht mehr. Das ist nicht dein Fehler, das ist Seide. Das heißt aber nicht, dass Seide unwearbar ist. Es heißt nur: Berechne bewusst ein wenig Länge ein. Stricke das Projekt ein oder zwei Zentimeter kürzer, als du normalerweise würdest. Oder nimm Muster, die Fall haben – Ajourmuster, Spitzenmuster, Reliefmuster. Fall bedeutet: Der Stoff rutscht eine Falle hinunter und dehnt sich nicht durchgehend. Das stabilisiert auch visuell.
Die Maschenprobe ist nicht optional – sie ist dein Rettungsring
Mit Seide ist eine Maschenprobe nicht optional. Sie ist existenziell. Und noch wichtiger: Die Maschenprobe muss gewaschen sein. Ja, gewaschen. Nicht trocken gemessen. Weil Seide durch das Waschen auch in der Maschenprobe schrumpft oder sich dehnt. Wenn du deine trockene Maschenprobe hast und rechnest daraus deine Größe – und strickst dein ganzes Projekt – und wäschst es dann am Ende: Du bekommst eine Überraschung, die dir nicht gefällt. Also: Maschenprobe stricken, waschen, trocknen, dann messen. Dann rechnen. Das sind 30 Minuten mehr, aber das ist die halbe Miete.
Holznadeln sind dein bester Freund mit Seide
Seide ist glatt. Die Faser gleitet. Mit Metallnadeln wird das zum Problem – die Maschen rutschen, deine Spannung wird instabil, es fühlt sich frustrierend an. Mit Holznadeln hast du mehr Grip. Die Masche sitzt, deine Spannung bleibt konstant, das Stricken wird zur Freude. Ein großer Unterschied für so eine kleine Veränderung.
Leinen plus Seide – der Sommertrick
Claudia schwört auf eine Kombination: BC Garn Lino (Leinen) plus BC Garn Jaipur Peace Silk (Seide). Beide Fasern haben Schwächen – Leinen ist steif und brüchig, Seide dehnt sich. Aber zusammen gleichen sie sich aus. Das Leinen gibt Struktur und Halt, die Seide gibt Glanz und Weiche. Das Ergebnis ist ein Sommergarn, das mit sich sprechen lässt, das fällt, aber auch seine Form hält. Das ist nicht Zufall, das ist Verständnis für Fasern.
Pflege: Essigessenz, kein UV-Licht, sanfte Hand
Seide wäschst du von Hand, in kaltem oder lauwarmem Wasser. Ein wenig milde Seife, dann weg mit dem Seifenschaum – spülen, spülen, spülen. Eine Prise Essigessenz ins letzte Spülwasser – das hilft gegen das Ausbluten von Farben. Trocknen im Flachen, nicht im Hängen. Und: Kein direktes Sonnenlicht. Seide fädelt in direktem UV-Licht aus. Das ist nicht nur eine Farbveränderung, das ist ein chemischer Prozess, bei dem die Faser schwächer wird. Also: Schatten, kühler Raum, Geduld.
Jede Faser hat eine Persönlichkeit
Wolle ist die treue Freundin – zuverlässig, forgiving, immer da für dich. Leinen ist die Unbeugsame – streng, klar, kennt keine Kompromisse. Und Seide? Seide ist die, die nichts von dir verlangt, aber alles von dir erwartet. Sie verlangt nicht, dass du komplizierte Techniken lernst. Sie verlangt nicht, dass du teure Werkzeuge kaufst. Aber sie erwartet, dass du sie verstehst. Dass du weißt, wie sie funktioniert, dass du bewusst mit ihr strickst. Und wenn du das tust, wenn du dich wirklich mit Seide einlässt – dann erlebst du etwas, das Wolle dir nicht gibt. Du strickst mit einer Faser, um die Könige gerungen haben. Eine Faser, die älter ist als die meisten Schriftsprachen. Eine Faser, die das Licht trägt.
Empfehlenswerte Seiden- und Seide-Mix-Garne:
BC Garn Jaipur Peace Silk – Die herausragende Wahl für Seide-Strickerinnen. Gewaltfrei, fein, mit natürlicher Temperaturregulation. Perfekt für Sommer-Projekte.
BC Garn Soft Silk – Maulbeerseide mit inneren Leuchten. Brillante Farben, luxuriöses Gefühl. Für Projekte, wo du die volle Pracht von Seide zeigen möchtest.
BC Garn Lino – Reines Leinen als Kombinationspartner. Mit Peace Silk gemischt: der Sommertrick für strukturierte, fallende Projekte.
Cowgirlblues Kid Silk – Mohair mit feinem Seidenkern. Der sanfte Einstieg in Seide – mit den Vorteilen von Struktur und dem Glanz von Seide.
Kremke Silky Kid – Kid Mohair mit Seide. Luftig, glänzend, elegant. Für leichte, transparente Muster.
