Wenn ich heute Maschen anschlage, ist das nicht einfach nur ein Stück Wolle, das sich bewegt. Es ist auch ein Echo meiner Kindheit. Der Duft von frisch gebackenem Brot, denn mein Opa war Bäcker. Das Klirren von Knöpfen in einer Knopfkiste, die jede meiner Omas hatte. Das Leuchten eines Regenbogenkleides, das sich meine Mutter auf der Strickmaschine gestrickt hat. Damals hätte ich niemals gedacht, dass Stricken einmal mein Beruf sein könnte. Stricken war einfach da – Teil des Alltags, Teil der Familie, selbstverständlich.

Großfamilie und Handwerk

Ich bin in einer Großfamilie aufgewachsen, und das hat mein Gefühl für Gemeinschaft und Handwerk tief geprägt. Meine Mutter hat zwei Schwestern, mein Vater zwei Brüder – ein Netzwerk an Tanten und Onkeln, bei denen die Ferienwochen verteilt wurden. Überall andere Routinen, andere Gerüche, andere Arbeitswelten, aber Handarbeit war überall vertreten. Nähen, stricken, sticken, schneidern – das gehörte einfach dazu, und niemand hat es in Frage gestellt.

Mein Opa betrieb eine eigene Backstube direkt in unserem Wohnhaus. Schon jeden Morgen, wenn wir aufwachten, lag der Duft von frisch gebackenem Brot in der Luft. Die Bäckergesellen wohnten mit im Haus, dazu meine Uromas. Eine von ihnen kochte jeden Mittag für die ganze Großfamilie – große Töpfe, ein Topf, Essen für viele hungrige Mäuler. Das war Alltag: gemeinsames Arbeiten, gemeinsames Essen, gemeinsames Leben.

Meine Mutter – Stricken als Ausdruck

Meine Mutter, immer schon eine schöne Frau voller Energie, hat nicht nur für uns Kinder gestrickt und genäht – Pullover, Kleider, Jacken, Pullunder. Sie hat auch für sich selbst genäht, spektakulär. Alles, was in der Brigitte an Selbstgemachtem erschien, wurde nachgemacht: das Regenbogenkleid auf der Strickmaschine, ein weißer Lackmantel mit großem Kragen, Schlaghosen – es war Hippiezeit, bunt, experimentell, und wir Kinder waren mittendrin.

Der Alltag war allerdings nicht glamourös. Neben ihrem Acht-Stunden-Job hat meine Mutter in Heimarbeit Knöpfe bezogen für ein Frottee-Unternehmen. Monoton, kleinteilig, für Pfennigbeträge – aber es musste Geld dazuverdient werden. Und trotzdem hatte ich nie das Gefühl, dass Handarbeit eine Belastung war. Es gab auch Erfüllung darin: die eigene Individualität ausdrücken zu können. Mode und Schönheit in den Alltag holen, selbstbestimmt und frei.

Knopfkisten und was sie bedeuten

Jede meiner Omas hatte eine Knopfkiste, und für uns Kinder waren das kleine Schatztruhen. Wenn ein Kleidungsstück aufgetragen war und sich nicht mehr reparieren ließ, wurden wenigstens die Knöpfe abgeschnitten, bevor das Teil weggegeben wurde. Nichts ging verloren. Alles bekam eine zweite Chance. Wir Kinder haben diese Knopfkisten stundenlang ausgeschüttet und durchstöbert – an vielen Knöpfen hingen noch kleine Textilfädchen vom Abschneiden.

Heute hat meine Tochter, die einen ähnlichen Weg in die Textilbranche einschlägt, genau die gleiche Faszination für diese Knöpfe. Ich habe die Kisten von meinen Omas geerbt, als ich Schneiderin gelernt habe. Sie sind unverändert. Und meine Tochter stöbert genauso gerne darin wie ich damals. Da schließt sich ein Kreis.

Stricken ist Heimat

Handarbeit war damals Notwendigkeit: Kleidung musste entstehen, Geld gespart, nichts verschwendet werden. Jeder Knopf hatte seinen Wert. Und trotzdem war Stricken schon damals mehr – Ausdruck der eigenen Individualität. Heute ist das ähnlich: Ich stricke, weil ich mich selbst ausdrücken will, weil ich tragen will, was mir gefällt und was auf meine Größe passt. Aber ich muss es nicht. Die Notwendigkeit ist vielleicht das, was sich am stärksten verändert hat. Keiner muss mehr stricken. Es ist freiwillig. Und gerade deshalb ist es so besonders.

Vielleicht erklärt genau das das große Comeback, das wir seit über einem Jahrzehnt erleben. Handarbeit hat die kleine Ecke verlassen und ist Teil einer weltweiten Kreativszene geworden. Stricken heute ist Wahl – bewusste Wahl, nicht Pflicht. Aber für mich fühlt sich der Unterschied gar nicht so groß an. Die alten Bilder sind in mir: die Backstube, die Knopfkisten, das Regenbogenkleid. All das hat Spuren hinterlassen. Mein Nervensystem hat es abgespeichert. Stricken ist Heimat – ein Stückchen Zuhause, das ich in den Händen halten kann.

Passende Garne aus dem Shop

Für Projekte, die sich nach Zuhause anfühlen sollen – warm, satt, mit Geschichte –, eignet sich Erika Knight Wool Local besonders gut. Ein Garn mit britischer Herkunft und Substanz, das genau diese Ehrlichkeit mitbringt. Und wer den Duft von früher in seine Maschen holen will: BC Garn Loch Lomond GOTS in den heathered Tönen erinnert an Landschaft, Tradition und die Schönheit einfacher Dinge.

Erwähnte Produkte:

Erika Knight Wool Local · BC Garn Loch Lomond GOTS · Hey Mama Wolf Beara

Claudia Wersing