Es gibt einen Satz, den ich ständig höre: Ich muss besser auf meine Work-Life-Balance achten. Ich muss mehr Balance finden. Ich schaffe es nicht, alles in Balance zu halten. Und jedes Mal, wenn ich das höre, denke ich: Das ist ein Mythos, und dieser Mythos macht Menschen einfach nur müde.
Weil hier ist das Problem mit Balance: Balance setzt voraus, dass es zwei gleich schwere Dinge gibt, die sich ausgleichen. Links Arbeit, rechts Leben – und wenn ich sie richtig gewichte, bleibt die Waage stehen. Aber Arbeit ist kein Gegenteil von Leben. Für mich, für viele Selbstständige, für neurodivergente Menschen – Arbeit ist Teil des Lebens. Sie ist nicht etwas, das ich von meinem Leben trennen kann wie einen Schuh, den ich ausziehe. Wenn ich das versuche, entsteht nur Schuldgefühl, weil ich denke: Ich bin schlecht in Balance. Ich schaffe das nicht. Dabei liegt das Problem nicht bei mir, sondern bei dem Wort.
Es gibt keine Balance, es gibt nur Phasen
Hier ist das, was wirklich funktioniert: Phasen. Es gibt Zeiten, in denen mehr kommt, und Zeiten, in denen weniger kommt. Ich nenne das gerne Knubbelzeiten – Phasen, in denen das Leben knubbelig wird, konzentriert, intensiv. Und dann gibt es ruhigere Phasen. Das ist normal. Das ist nicht kaputt. Das ist nicht Balance, das ist ein natürlicher Rhythmus. Schau dir Stricken an: Es gibt Momente, in denen du super konzentriert in ein komplexes Muster strickst – deine volle Aufmerksamkeit, deine Energie, alles fließt in diese eine Sache. Und dann gibt es Momente, in denen du ein einfaches Glattrechts vor dir hast und entspannen kannst. Nicht weil die Waage gleichmäßig schwingt, sondern weil die Anforderung sich ändert. Das ist lebendiges Stricken. Das ist lebendiges Leben.
Der Punkt ist: Ich muss aufhören, nach Balance zu streben. Ich muss lernen, meine Phasen zu erkennen. Und das ist ganz anders. Das ist nicht Schuld, das ist Selbstkenntnis.
Gesunde und ungesunde Überforderung unterscheiden
Aber – und das ist wichtig – nicht alle intensiven Phasen sind gleich. Es gibt gesunde Überforderung und ungesunde. Wenn ich sage Knubbelzeit, meine ich meistens etwas, das zeitlich begrenzt ist. Ich weiß, warum es anstrengend ist. Ich weiß, dass es vorbei geht. Und ich habe die Kontrolle über die meisten Faktoren. Das ist gesunde Überforderung. Das ist wie wenn du merkst, dass du ein schwieriges Muster strickst, aber du weißt genau: Nach dieser einen schwierigen Reihe wird es wieder leichter. Du konzentrierst dich, deine Hände sind beschäftigt, aber es ist nicht chaotisch.
Ungesunde Überforderung sieht anders aus. Sie ist diffus. Du weißt nicht, warum es so anstrengend ist, nur dass es sich wie zu viel anfühlt. Sie hat kein Ende in Sicht. Sie verschwindet nicht nach dieser einen schwierigen Reihe – sie bleibt einfach. Und je länger ungesunde Überforderung bleibt, desto mehr verlierst du die Kontrolle. Das ist wie wenn du merkst, dass du verhaspelt strickst, aber du kannst nicht aufhören, weil du nicht weißt, wo genau es schiefgelaufen ist. Du strickst einfach weiter und hoffst, dass es besser wird. Aber es wird nicht besser, es wird nur noch chaotischer.
Die Frage ist nicht: Wie schaffe ich Balance? Die Frage ist: Ist meine aktuelle Überforderung gesund und zeitlich begrenzt, oder bin ich in etwas Ungesundem stecken?
Handlungsfähig bleiben ist das Ziel, nicht Balance
Das, was wirklich zählt, ist nicht ausgewogen sein. Das, was zählt, ist handlungsfähig bleiben. Kann ich noch entscheiden? Kann ich noch wählen? Oder habe ich meine Entscheidungsfreiheit verloren, weil alles zu viel ist? Das ist der Moment, wo ich weiß: Ich muss etwas ändern. Nicht weil ich aus dem Gleichgewicht bin – Gleichgewicht ist eine Illusion – sondern weil ich meine Handlungsfähigkeit verliere.
Das funktioniert besonders für Menschen, die anders denken – ADHS, Autismus und andere neurodivergente Menschen. Wir brauchen keine Balance. Wir brauchen Struktur, Priorität und Phasen, die wir verstehen. Wenn ich weiß, dass Montag eine Knubbelzeit für Kundenmails ist und dass ich dafür Ruhe am Dienstag brauche, dann plane ich das nicht als Balance. Ich plane das als Struktur. Ich respektiere mein System, nicht ein abstraktes Ideal von Gleichmäßigkeit.
Priorität statt Ruhe als Ziel
Hier ist noch etwas: Ruhe ist nicht immer das Ziel. Das ist ein anderer großer Mythos unter Work-Life-Balance. Man sagt: Du brauchst mehr Ruhe, dann wird alles besser. Manchmal ist das wahr. Manchmal brauchst du wirklich nur eine Pause. Aber manchmal brauchst du nicht Ruhe, sondern Priorität. Du brauchst eine Sache, die dir wichtig ist, auf die du dich konzentrieren kannst. Eine klare Aufgabe. Ein klares Ziel. Das kann genauso erfüllend sein wie Ruhe – manchmal sogar erfüllender. Ich stricke gerne in stressigen Zeiten, weil es mir eine klare Sache gibt, auf die ich mich konzentriere. Das ist nicht weniger Stress, das ist ändernder Stress – und das macht einen Unterschied.
Was wirklich hilft: Phasen, Grenzen, Akzeptanz
Also hier sind meine fünf Strategien statt Balance: Erstens: Phasen erkennen. Knubbelzeit und ruhige Zeit akzeptieren. Nicht moralisieren, sondern beobachten. Zweitens: Unterscheide gesunde und ungesunde Überforderung. Frag dich: Ist das zeitlich begrenzt? Weiß ich, warum? Habe ich Kontrolle? Drittens: Mach eine klare Priorität, nicht Ruhe, zu deinem Ziel. Was ist die eine Sache, die zählt? Konzentriere dich darauf. Viertens: Hör auf, deine Arbeit zu moralisieren. Arbeit ist nicht böse. Pausen sind nicht gut und Produktivität nicht schlecht. Das sind nur verschiedene Zustände. Und fünftens: Akzeptiere, dass Leben nicht gleichmäßig ist. Dein Stricken ist auch nicht gleichmäßig. Manchmal ist es konzentriert und sauber. Manchmal ist es chaotisch und verhaspelt. Beides ist Teil davon.
Work-Life-Balance ist ein Mythos, der dir Schuldgefühle macht. Phasen, Struktur und Handlungsfähigkeit – das ist real. Das funktioniert. Und das macht viel weniger Müde.
Garne für konzentriertes Stricken in Stressphasen:
Cowgirlblues Merino DK – Ein Garn, das nicht viel Aufmerksamkeit verlangt, aber dennoch befriedigend ist. Perfekt für Momente, in denen du unkompliziert stricken willst, ohne dass dein Hirn parallel 100 Dinge jongliert.
BC Garn Semilla GOTS – Ein weiches, beruhigendes Garn, das fast meditativ wirkt. Wenn du merkst, dass du Stress abbauen musst während du strickst, ist das die richtige Wahl.
Cocoknits Row Counter – Struktur ist das Wichtigste in intensiven Phasen. Ein guter Counter nimmt dir eine mentale Last ab und hilft dir, den Fokus zu behalten.
