Du bist keine Strickanfängerin mehr, wenn ein unbekannter Arbeitsschritt oder ein Fehler nicht mehr automatisch bedeutet, dass du ohne fremde Hilfe nicht weiterkommst. Nicht, wenn du Zöpfe kannst. Nicht, wenn du seit fünf Jahren strickst. Sondern genau dann.

Ich komme darauf, weil ich fast jede Woche dieselbe Frage bekomme: Ist diese Anleitung auch für Anfänger geeignet? Die Frage ist vollkommen berechtigt. Die Antwort, die die Strickwelt darauf gibt, ist es nicht.

Auf meinem Sofa liegt gerade ein Raglan von oben. Glatt rechts, ein paar Streifen, nichts, was ich zählen muss. Ich entwerfe seit Jahrzehnten Strickmodelle, und in meiner Freizeit stricke ich fast nur Anfängermodelle. Nicht, weil ich nichts anderes könnte, sondern weil ich abends die Hände beschäftigen will und nicht den Kopf.

Warum Anfänger, mittel und fortgeschritten so wenig aussagen

Ich habe mir dafür die Einteilungen verschiedener großer Garnanbieter, Strickorganisationen und Strickmagazine nebeneinandergelegt. Ich kenne diese Systeme von innen, ich entwickle seit Jahrzehnten Modelle und Anleitungen für internationale Garnmarken und Zeitschriften. Trotzdem hat mich das Ergebnis überrascht.

Es gibt kein einheitliches System. Bei einem Anbieter gehören einfache Zu- und Abnahmen in eine Anfängeranleitung, beim nächsten werden sie erst für fortgeschrittene Anfänger vorausgesetzt. Verkürzte Reihen sind je nach System einfach, mittel oder fortgeschritten. Rundstricken, Strickschriften, Zöpfe und mehrfarbiges Stricken werden überall anders einsortiert. Es gibt schlicht keine verbindliche Definition, jede Marke und jede Designerin entscheidet selbst.

Und dabei landen fünf verschiedene Dinge in einem einzigen Wort: welche Techniken vorkommen, wie kompliziert die Konstruktion ist, wie viel Aufmerksamkeit das Projekt verlangt, wie ausführlich die Anleitung geschrieben ist, und wie viel die Strickerin selbst entscheiden muss. Fünf Fragen, ein Etikett. Kein Wunder, dass dieses Etikett mehr verunsichert als hilft.

Eine Anleitung und eine Strickerin sind nicht dasselbe

Der wichtigste Unterschied ist eigentlich ganz einfach. Eine Anleitung hat einen Schwierigkeitsgrad. Eine Strickerin hat Erfahrung, Kenntnisse und Vorlieben. Das ist nicht dasselbe, und trotzdem behandeln wir es so.

Eine Anleitung kann technisch sehr einfach sein und trotzdem ausgesprochen anfängerunfreundlich: wenn sie Abkürzungen benutzt, die eine neue Strickerin nicht kennt, wenn sie voraussetzt, dass du weißt, wie Maschen gleichmäßig verteilt werden, oder wenn sie Zwischenschritte weglässt. Das Modell ist dann komplett glatt rechts gestrickt, und die Anleitung lässt eine Anfängerin trotzdem verzweifeln. Umgekehrt kann ein Modell mehrere Techniken enthalten und anfängerfreundlich erklärt sein, weil jeder neue Schritt eingeführt wird und die Anleitung nicht nur sagt, was zu tun ist, sondern auch warum.

Man muss also drei Dinge trennen: Was verlangt das Projekt? Was erklärt die Anleitung? Und was bringst du bereits mit? Dazu kommt eine vierte Frage, die in keinem Schwierigkeitsgrad steckt: Wie willst du dich beim Stricken fühlen? Schwierig ist nicht automatisch gut, einfach ist nicht automatisch langweilig, und anfängerfreundlich ist ganz sicher keine minderwertige Kategorie.

Was ist eigentlich eine Strickanfängerin?

Ich schaue nicht darauf, wie viele Techniken jemand kennt oder wie viele Jahre jemand strickt, sondern darauf, wie selbstständig jemand mit einer Stricksituation umgehen kann. Daraus ergeben sich drei Stufen.

Stufe eins, die Anfängerin. Sie kann rechte und linke Maschen, anschlagen, abketten, einfache Zu- und Abnahmen. Sind die Schritte gut erklärt, kann sie ihnen folgen. Aber sobald etwas anders aussieht als erwartet, fehlt die Orientierung. Einen Fehler sieht sie erst Reihen später und weiß nicht, wo er herkam. Eine unbekannte Abkürzung kann das Projekt zum Stillstand bringen. Das ist kein Mangel an Begabung und sagt nichts darüber, wie lange jemand schon strickt. Anfängerinnen brauchen keine langweiligen Modelle, sondern gute Erklärungen. Niemand muss erst jahrelang Topflappen stricken.

Stufe zwei, die selbstständige Strickerin. Für diese mittlere Stufe fehlt im Deutschen ein gutes Wort. Mittel klingt nach Schulnote, leicht geübt sagt nichts, und fortgeschrittene Anfängerin hält dich sprachlich im Anfängerstadium fest. Sie muss längst nicht jede Technik kennen. Der Unterschied ist, dass sie mit ihrem Nichtwissen umgehen kann: Taucht etwas Unbekanntes auf, sucht sie sich eine Erklärung, probiert es aus und strickt weiter. Sie liest ihr Gestrick, erkennt typische Fehler und behebt viele selbst. Sie versteht, wozu eine Maschenprobe da ist, und passt Längen an.

Stufe drei, die fortgeschrittene Strickerin. Sie führt eine Anleitung nicht nur aus, sie kann sie beurteilen und verändern. Sie versteht, welche Form eine Konstruktion erzeugt, behält Muster und Formgebung gleichzeitig im Blick und beurteilt beim Garnersatz nicht nur Lauflänge und Nadelstärke, sondern auch Volumen, Elastizität und Fall. Vor allem trifft sie Entscheidungen: zurückstricken, ausgleichen, oder den Fehler stehen lassen, weil er weder Passform noch Gesamtbild verändert.

Fortgeschritten zu sein heißt dabei nicht, jede Technik zu beherrschen. Manche Techniken kann ich mir bis heute nicht merken, obwohl ich sie oft gestrickt habe. Eine ausgezeichnete Spitzenstrickerin kann bei Einstrickmustern völlig unerfahren sein. Wir sind nicht in allen Bereichen auf demselben Stand. Strickkönnen ist kein einzelnes Level. Es ist ein Profil.

Was dein Stricklevel nicht beweist

Die Jahre beweisen wenig: Wer dreißig Jahre dieselben Socken strickt, ist darin sehr erfahren und steht einer unbekannten Pulloverkonstruktion trotzdem neu gegenüber. Auch Geschwindigkeit beweist nichts, die Zahl fertiger Projekte ebenso wenig, und ein fehlerfreies Strickstück schon gar nicht. Erfahrene Strickerinnen machen Fehler, professionelle Strickerinnen machen Fehler, ich mache Fehler. Der Unterschied liegt nicht darin, ob ein Fehler passiert, sondern ob ich ihn erkenne, seine Bedeutung einschätzen und eine passende Entscheidung treffen kann.

Die besseren Fragen

Du darfst weiter fragen, ob eine Anleitung für Anfänger geeignet ist. Aber wenn du eine hilfreiche Antwort willst, brauchst du genauere Fragen: Was muss ich schon können? Welche Techniken werden erklärt? Gibt es Bilder oder ein Video? Muss ich mehrere Abläufe gleichzeitig im Blick behalten? Wie viel muss ich selbst entscheiden?

Und zum Schluss eine Frage, die in keiner Anleitung steht: Wie viel Aufmerksamkeit will ich diesem Projekt gerade geben? Vielleicht willst du etwas Neues lernen, vielleicht dich herausfordern, vielleicht einfach auf dem Sofa sitzen und vor dich hin stricken. Keine dieser Entscheidungen macht dich zu einer besseren oder schlechteren Strickerin. Echtes Können zeigt sich nicht darin, immer das Schwierigste zu wählen. Es zeigt sich darin, zu wissen, was man gerade will.

Wenn du wissen möchtest, wo du gerade stehst, habe ich dafür einen Stricklevel-Test gebaut. Sechs Situationen aus dem Strickalltag, keine Theorie, kein Abfragen von Techniken. Am Ende steht kein Urteil, sondern dein Profil. Es gibt 729 mögliche Ergebnisse, und nur drei davon liegen komplett auf einer Stufe. Fast jedes Strickkönnen ist gemischt. Genau deshalb sagt das Wort Strickanfängerin so wenig über dich.

Häufige Fragen

Woran erkenne ich, ob eine Anleitung anfängerfreundlich ist?

Nicht am Schwierigkeitsgrad, sondern daran, wie sie geschrieben ist. Eine anfängerfreundliche Anleitung erklärt ihre Voraussetzungen, lässt keine Zwischenschritte weg, löst Abkürzungen auf und gibt Orientierungspunkte, an denen du prüfen kannst, ob du noch richtig liegst.

Was ist der Unterschied zwischen anfängergeeignet und anfängerfreundlich?

Anfängergeeignet klingt nach Zugangskontrolle: Dieses Modell darfst du stricken, jenes noch nicht. Anfängerfreundlich beschreibt dagegen die Qualität der Anleitung. Ein anspruchsvolles Modell kann anfängerfreundlich erklärt sein, ein einfaches Modell kann es nicht sein.

Muss ich als Strickanfängerin erst kleine Projekte stricken?

Nein. Du brauchst keine künstlich klein gehaltenen Ziele, sondern eine Anleitung, die dich durch die Schritte führt, und die Möglichkeit nachzufragen, wenn etwas hakt.

Passende Garne für entspanntes Stricken

Wenn du ein Projekt suchst, bei dem du nicht zählen musst, lohnt sich ein Garn, das gleichmäßig läuft und die Maschen klar zeigt. Semilla GOTS von BC Garn ist so eines, ein klassisches Bio-Merino, das in glatt rechts ruhig und ebenmäßig wirkt. The Merry Merino 140 GOTS von Kremke Soul Wool geht in dieselbe Richtung, etwas weicher im Griff. Beide findest du in unserer Auswahl an Wolle und Merino.

Und wenn du dabei bist, dir Abläufe selbst zu ordnen, helfen kleine Werkzeuge mehr als jede neue Technik: Der Row Counter von Cocoknits zählt die Reihen, die Colored Ring Stitch Markers markieren die Stellen, an denen etwas passieren soll.

Claudia Wersing
Getaggt: Persönlich Technik