Top-down ist nicht besser als von unten nach oben. Die Strickrichtung macht den Pullover weder schöner noch haltbarer, sie verschiebt nur den Zeitpunkt, an dem du die Wahrheit über ihn erfährst: von oben nach unten früh, von unten nach oben spät. Alles andere folgt aus diesem einen Satz.

Top-down oder Bottom-up wird meistens so diskutiert, als wäre die Sache längst entschieden. Top-down sei modern, von unten nach oben sei von gestern. Das stimmt nicht, und ich beurteile das nicht theoretisch. Ich habe dieselbe Konstruktion zweimal entworfen. Pullover Gudrun ist eine Rundpasse von unten nach oben, Pullover Hecate dieselbe Rundpasse von oben nach unten. Legt man beide nebeneinander, sieht man dasselbe optische Ergebnis und hat trotzdem zwei völlig verschiedene Projekte hinter sich.

Der Unterschied zeigt sich an drei Momenten: Anfang, Mitte, Ende. Die gehe ich durch.

Der Anfang gehört dem Stricken von unten

Fängst du unten an, schlägst du für den Körper an und strickst erst einmal eine Röhre. Bündchen, dann glatt rechts, dann eine ganze Weile Strecke. Das ist langweilig, und genau darin liegt der Wert. Deine Hände lernen in dieser Zeit das Garn kennen. Du merkst, ob die Nadel passt. Deine Strickspannung stabilisiert sich über mehrere Abende, ohne dass eine Entscheidung davon abhängt. Oben an der Passe bist du eingespielt.

Von oben nach unten ist es umgekehrt, und dieser Punkt wird gern unterschlagen. Der allererste Handgriff im ganzen Projekt ist ausgerechnet die Kante, die man später als Erstes sieht. Der Halsausschnitt muss dehnbar genug sein, er muss deinen Kopf durchlassen, er darf nicht zu weit werden, und er muss sauber aussehen, direkt unter deinem Gesicht. Das machst du in dem Moment, in dem du das Garn am wenigsten kennst.

Direkt danach kommt die Passe, der anspruchsvollste Abschnitt des ganzen Pullovers. Formgebung und Muster gleichzeitig, bei einem Einstrickmuster noch die Farbwechsel dazu. Kein Warmlaufen, kein gemütliches Einstricken, sondern der Sprung ins kalte Wasser. Für den Kopf ist das kein Nachteil, Konzentration und Motivation sind am Anfang eines Projekts am höchsten. Für die Hände gilt das Gegenteil.

In der Mitte gewinnt Top-down, weil du anprobieren kannst

Sobald die Passe steht, hast du etwas auf der Nadel, das schon aussieht wie ein Cape. Beim Teilen legst du die Ärmelmaschen auf Hilfsfäden, schlägst unter dem Arm ein paar Maschen an, und aus einem Teil werden drei. In diesem Moment wird aus einem Kreis ein Kleidungsstück, und du kannst es überziehen.

Du siehst dann genau, wo deine Schulter sitzt, wie tief das Armloch geworden ist, ob der Rumpf breit genug ist, ob die Ärmel zu weit sind. Das Stück ist ungewaschen und ungespannt, es sagt dir noch nicht alles. Aber es sagt dir sehr viel mehr als ein Rumpf, dessen Passe noch gar nicht existiert. Von unten bekommst du dieselbe Information erst, wenn Körper und beide Ärmel fertig sind.

Die Reihenmaschenprobe ist das stärkste Argument für Top-down

Über diesen Punkt wird zu selten gesprochen. Die meisten Strickerinnen kommen über einen Nadelwechsel problemlos auf die Maschenzahl der Anleitung. Auf die Reihenzahl kommen sie oft nicht. Die Maschenzahl bestimmt, wie weit die Passe wird. Die Reihenzahl bestimmt, wie hoch sie wird, und damit, wo dein Armloch endet und ob es unter der Achsel spannt.

In einem Einstrickmuster kannst du keine Reihen weglassen oder ergänzen, das Muster würde sich verschieben und nicht mehr aufgehen. Von oben nach unten brauchst du das auch nicht: Du strickst das Muster so, wie es dasteht, probierst danach an und greifst ein, bevor du weiterstrickst. Von unten nach oben merkst du eine zu niedrige oder zu hohe Passe erst, wenn alles andere schon fertig ist.

Ein Einwand gehört dazu. Anprobieren nützt dir nur, wenn du weißt, worauf du schaust und was du daran ändern kannst. Das ist erlernbar, und genau dafür stricken wir gemeinsam.

Am Ende entscheidest du über die Länge und über das letzte Knäuel

Von oben nach unten bestimmst du die Gesamtlänge selbst. Du strickst, bis es für deinen Körper stimmt, bei den Ärmeln wie am Rumpf. Keine Zentimeterangabe, auf die du dich verlassen musst, einfach anziehen und schauen. Sitzt die Länge daneben oder längt sich das Garn, löst du die Abkettkante, trennst ein Stück auf und kettest neu ab.

Dann ist da das Garn. Fehlt dir am Ende Material, fehlt es von oben nach unten an den Ärmeln oder am Saum, also an den beiden Stellen, an denen du es am leichtesten löst. Zwei Zentimeter kürzer, ein Layering darunter, fertig. Notfalls kommt ein Bündchen in einer anderen Farbe dran, und am Ende sieht es aus wie eine Entscheidung. Von unten nach oben fehlt dir das Garn oben in der Passe, direkt am Gesicht. Da lässt sich nichts kaschieren, und ein zweites Garn dazuzunehmen ist keine gute Idee.

Wo Bottom-up trotzdem vorn liegt

Drei Dinge sprechen für die andere Richtung. Erstens Motive. Bei geometrischen Mustern ist es egal, aber sobald echte Motive im Spiel sind, Bäume, Tiere, Buchstaben, muss die Strickschrift umgedreht werden. Von unten liest du sie so, wie das Bild später aussieht, und musst optisch nichts im Kopf umdrehen. Kein Beinbruch, aber ein Punkt.

Zweitens die Oberweite. Soll ein bestimmtes Maß erreicht werden, liegt Bottom-up aus schnitttechnischer Sicht vorn. Von unten legst du die Weite mit dem Anschlag fest und weißt von der ersten Reihe an, wo du landest. Von oben lässt sich das theoretisch auch ausrechnen, es ist nur schwieriger sauber umzusetzen.

Drittens die Mobilität. Von unten hast du am Anfang drei kleine getrennte Teile, zwei Ärmel und ein Rumpfteil. Das passt in die Tasche und lässt sich im Zug stricken. Von oben hast du irgendwann ein einziges großes, schweres Teil, das du nicht mal eben mitnimmst.

Was das für dich heißt

Der Anfang geht an Bottom-up, die Mitte und das Ende gehen an Top-down. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass Top-down für Anfängerinnen geeigneter ist. Ich würde da überhaupt keine Unterscheidung machen. Top-down oder Bottom-up ist auch keine Frage von modern oder altmodisch.

Es ist eine Frage deiner Vorliebe, und die hat mit deinem Nervensystem mehr zu tun als mit deinem Können. Manche brauchen früh eine Sicherheit, sonst legen sie das Projekt weg und nehmen es nicht wieder auf. Andere brauchen erst Strecke, bis ihnen das Garn unter den Händen vertraut ist, sonst fangen sie gar nicht erst an. Beides ist eine gute Begründung. Nur die pauschale Aussage, das eine sei besser, ist keine.

Ist Top-down leichter für Anfängerinnen?

Nein. Von oben nach unten kommt der schwierigste Abschnitt zuerst, dafür kannst du früh anprobieren und korrigieren. Von unten bekommst du eine lange, ruhige Einlaufstrecke, dafür fällt die Entscheidung über die Passform spät. Das gleicht sich aus.

Muss ich für Top-down die Reihenmaschenprobe genau treffen?

Stricken solltest du sie, exakt treffen musst du sie nicht. Genau das ist der Vorteil: Weicht deine Reihenzahl ab, korrigierst du beim Anprobieren über die Länge, statt es am fertigen Pullover festzustellen.

Kann ich jede Rundpassen-Anleitung einfach umdrehen?

Rechnerisch geht das, es ist aber keine Kleinigkeit. Passenhöhe, die Verteilung der Zunahmen und der Halsausschnitt müssen neu gedacht werden, und Motive im Einstrickmuster müssen umgedreht werden. Eine Anleitung, die für eine Richtung geschrieben ist, funktioniert nicht rückwärts gelesen.

Wenn du beide Richtungen einmal an derselben Konstruktion erleben willst: Pullover Gudrun ist eine Rundpasse von unten nach oben, Pullover Hecate dieselbe Konstruktion von oben nach unten. Hecate und Jacke Lilith stricken wir gerade gemeinsam im Knitalong, neun Sonntage lang, jeden Sonntag live. Fürs Teilen der Passe lege ich die Ärmelmaschen am liebsten auf das Leather Cord and Needle Stitch Holder Kit von Cocoknits, weil sich der Pullover damit anprobieren lässt, ohne dass Maschen von der Hilfsnadel rutschen. Anleitungen und Zubehör findest du im Shop.

Claudia Wersing
Getaggt: Design Technik