Nahtlos und Topdown sind nicht dasselbe. Nahtlos beschreibt die Konstruktion, also ob ein Kleidungsstück Nähte hat. Topdown beschreibt nur die Richtung, also wo du zu stricken anfängst. Das eine ist seit rund 800 Jahren belegt, das andere wurde im Handstricken erst in den frühen 70er Jahren richtig sichtbar. Dazwischen liegen etwa 750 Jahre.

Diese beiden Begriffe stehen in Strickgruppen, in Kommentaren und in Produktbeschreibungen fast immer nebeneinander, als würden sie zusammengehören wie Nadel und Faden. Die Gleichsetzung ist so verbreitet, dass sie kaum noch auffällt. Sie stimmt trotzdem nicht.

Zwei Begriffe, zwei Geschichten

Es sind zwei verschiedene Fragen, und du beantwortest sie unabhängig voneinander. Du kannst Topdown mit Nähten stricken. Du kannst von unten nach oben mit Nähten stricken. Du kannst beides kombinieren. Die Richtung hängt nicht an der Konstruktion, und die Konstruktion hängt nicht an der Richtung.

Ich habe beide Richtungen über Jahre konstruiert, in Anleitungen übersetzt und in Knitalongs mit euch zusammen gestrickt. Und es lohnt sich, die Herkunft der beiden Begriffe einmal sauber von ihrer heutigen Verwendung zu trennen. Die historische Spur bringt die übliche Zeitrechnung nämlich durcheinander.

Die ältesten Funde sind Socken, keine Pullover

Zu den ältesten erhaltenen Stücken, die Fachleute sicher als echtes Stricken erkennen, gehören Socken. Keine Pullover, keine Jacken, sondern kleine Dinge, die täglich gebraucht wurden und schnell verschlissen. Sie stammen aus Ägypten und Nordafrika und werden ungefähr auf das 11. bis 13. Jahrhundert datiert. Aus England sind gestrickte Kappen des 16. Jahrhunderts erhalten, ebenfalls in einem Stück in der Runde gearbeitet.

An diesen kleinen Dingen siehst du die Grundform besonders gut. Eine Socke ist eine Röhre mit einem Knick unten dran. Eine Mütze ist eine Röhre, die man oben schließt. Ein Handschuh ist eine Röhre, ein Fingerhandschuh besteht aus mehreren kleinen und einer großen. Für solche Formen liegt das Stricken in der Runde auf der Hand: du arbeitest der Form folgend rundherum und musst hinterher keine lange Naht schließen.

Nahtlos stricken war also kein modernes Versprechen, dass jetzt alles einfacher wird. Es war die logische Folge einer Konstruktion, die ohnehin aus Röhren besteht.

Die Sache mit den ägyptischen Socken

In Artikeln über die Geschichte des Strickens taucht fast immer dasselbe Bild auf: gestreifte ägyptische Socken mit abgeteilter großer Zehe, datiert ins 3. bis 5. Jahrhundert. Darunter steht dann, Stricken sei fast 2000 Jahre alt.

Diese Socken sind nicht gestrickt. Das ist Nadelbindung, ein anderes Handwerk. Man arbeitet mit einer einzelnen Nadel und kurzen Fäden, und jede Masche wird komplett durchgezogen. Das ist näher am Nähen als am Stricken. Es sieht ähnlich aus, verhält sich aber völlig anders: ein gestricktes Stück ribbelt sich auf, wenn du am Faden ziehst, ein nadelgebundenes kann das nicht, weil es gar keinen durchgehenden Faden gibt.

Stricken so, wie wir es machen, mit zwei Nadeln und einer durchlaufenden Masche, ist deshalb jünger als oft behauptet. Alt genug, aber nicht antik.

Warum traditionell von unten nach oben gestrickt wurde

Das Prinzip der Röhre blieb nicht bei der Socke. Später taucht es beim Pullover auf: eine große Röhre für den Rumpf, zwei kleine für die Ärmel. Die Ganseys der britischen Fischer sind so gebaut, sehr dicht gestrickt, häufig in Runden, oft mit Zwickeln unter den Armen, und so konstruiert, dass verschlissene Stellen aufgetrennt und neu gestrickt werden konnten. Die traditionellen Fair-Isle-Pullover ebenso.

Viele dieser Konstruktionen wurden von unten nach oben gearbeitet. Nicht weil nahtlos automatisch bottom up bedeutet, sondern weil diese Reihenfolge handwerklich mehr Sinn ergibt. Von unten beginnst du mit dem einfachen Teil und strickst erst einmal eine lange Röhre. Die komplizierten Schulterentscheidungen verschiebst du ans Ende, und bis dahin kannst du Länge und Weite in Ruhe ansehen, bevor Körper und Ärmel verbunden werden.

Bei mehrfarbigen Mustern kommt ein zweiter Grund dazu. In Runden liegt die schöne Seite immer vor dir, das Muster ist leichter lesbar, und die mitgeführten Fäden laufen hinten mit. Du musst die Farbwechsel nie in Rückreihen stricken.

Der Steek: die Röhre wird aufgeschnitten

Bleibt die Frage, wie aus einer geschlossenen Röhre eine Jacke wird. Die Antwort ist: man schneidet sie auf. Ob Pullunder, Pullover oder Jacke, das Stück entsteht als geschlossene Röhre mit allen Mustern rundherum, und erst danach wird geöffnet und versäubert.

An den Stellen, wo später eine Öffnung liegen soll, strickst du ein paar zusätzliche Maschen. Diese Maschenbrücke heißt Steek, und in ihrer Mitte wird mit der Schere aufgeschnitten. Die Kante wird anschließend versäubert, ich mache das gern mit Schrägband.

Damit sich da nichts auftrennt, muss die Wolle mitspielen. Griffige, nicht superwash behandelte Wolle mit Shetland-Charakter hält den Schnitt, weil die Fasern aneinander haften. Glatte, superwash ausgerüstete oder stark seidenhaltige Garne tun das nicht, da brauchst du eine gesicherte Kante.

Und das sagt etwas über die Prioritäten der Strickerinnen von damals. Für diese Muster war es einfacher, ein fertiges Kleidungsstück aufzuschneiden, als jede zweite Reihe von der Rückseite zu stricken. Die Mehrarbeit des Aufschneidens und Versäuberns wurde in Kauf genommen, weil die Arbeitsweise davor so viel angenehmer war. Eine nüchterne Entscheidung, keine Tradition um der Tradition willen.

Wann Topdown kam

Ein Erfindungsdatum für Topdown gibt es nicht. Einen deutlichen Wendepunkt schon, und der liegt in den frühen 70er Jahren. 1971 erschien Elizabeth Zimmermanns Buch Knitting Without Tears, das nahtlose Pulloverkonstruktionen populär machte und Strickerinnen ermutigte, Maße, Maschenproben und Anleitungen zu verstehen statt sie abzuarbeiten. 1972 folgte Barbara Walkers Knitting from the Top, in dem systematisch erklärt wird, wie ganze Kleidungsstücke von oben nach unten konstruiert und gestrickt werden.

Keine der beiden hat Topdown nachweislich erfunden. Aber das ist der Zeitpunkt, an dem die Methode für Handstrickerinnen sichtbar, zugänglich und nacharbeitbar wurde. Am Hals anzufangen wurde damit zu einer Einladung: früh hinsehen, anprobieren, prüfen, statt bis zum Schluss auf den ganzen Pullover zu hoffen.

Was du daraus mitnimmst

Wenn du das nächste Mal nahtlos in Runden strickst, arbeitest du mit einem Konstruktionsprinzip, das seit Jahrhunderten belegt ist. Fängst du dabei oben an, nutzt du eine Arbeitsweise, die im modernen Handstricken seit den frühen 70ern beschrieben und verbreitet wird. Beides ist gut. Es ist nur nicht dieselbe Zeitrechnung.

Ist nahtlos dasselbe wie Topdown?

Nein. Nahtlos sagt, dass ein Stück ohne Nähte in der Runde entsteht. Topdown sagt nur, dass du oben anfängst. Es gibt nahtlose Pullover von unten nach oben und Topdown-Pullover mit Nähten.

Kann ich jedes Garn für einen Steek verwenden?

Nein. Am sichersten sind griffige, nicht superwash behandelte Wollen. Bei glatten oder superwash ausgerüsteten Garnen sichere die Schnittkante ab, zum Beispiel mit einer genähten oder gehäkelten Kante, bevor du schneidest.

Warum stricken viele traditionelle Muster von unten nach oben?

Weil der einfache Teil dann am Anfang steht und die Schulterentscheidungen ans Ende rücken. Bei mehrfarbigen Mustern kommt dazu, dass du in Runden immer von der Vorderseite arbeitest.

Womit stricke ich das

Für alles, was aufgeschnitten werden soll, greife ich zu Bio Shetland von BC Garn oder zu Wool Local von Erika Knight. Beide sind griffig genug, dass die Schnittkante hält. Wenn es weicher werden darf, aber trotzdem stabil bleiben soll, ist Semilla eine gute Wahl. Und für die Röhre, mit der alles angefangen hat, also die Socke, findest du unter Sockenwolle unter anderem Lazy Lion Sockenwolle und Proper Sock.

Claudia Wersing
Getaggt: Design Technik