Stell dir vor, du legst dir etwas um die Schultern – und das sind nicht nur gestrickte Maschen. Es sind Flügel. Breite, schützende, vielleicht auch ein bisschen gefährliche Flügel. Raubvogelflügel, bereit zum Sturzflug. Engelsschwingen, die dich hochtragen. Drachenhäute, die im Sonnenlicht glühen. Zuerst siehst du nur Streifen, schlicht, fast ein bisschen unscheinbar. Doch wenn du das Strickstück drehst, taucht das Motiv auf. Plötzlich werden die Linien zu Schwingen, zu Bewegung. Ein verborgener Code aus Maschen.

Warum Flügel im Schattenstrick perfekt funktionieren

Schattenstrick ist für mich das Strickmuster, das wie kein anderes zulässt, Gedanken, Gefühle, Wünsche und Geschichten mit einzustricken. Du siehst das Motiv, ja – aber Schattenstrick ist mehr als nur das Motiv. Es ist Perspektive: das, was sichtbar ist, und das, was verborgen bleibt. Flügel sind als Motiv perfekt dafür, weil sie meistens beides sind – Schutz und Gefahr. Sie bedecken dich, sie umarmen dich, sie schützen dich. Aber sie lassen dich auch fliegen, was immer ein bisschen gefährlich sein kann.

Und lang gestrickte Tücher bieten gerade für Flügel die perfekte Form. Wenn man dreht und das Muster auftaucht, ist das ein bisschen so, als würden die Flügel in Bewegung kommen, um dich darin einzuhüllen.

Flügel aus der Welt der Bücher

Ich habe in Schattenstrick viele Flügel entworfen – von Raubvögeln, von Fabelwesen, aber auch von Romanfiguren, die ich liebe. In der Throne-of-Glass-Reihe kann sich Rowan in einen Bussard verwandeln, und Bussardflügel können dich Geduld und Präzision lehren – sie warten auf den perfekten Moment und schlagen dann zu. In der ACOTAR-Welt sind es die Illyrier, deren Flügel genauso verführerisch wie tödlich sind – Kraft und Leidenschaft zugleich, wie ein Versprechen, dich zu beschützen. Drachenflügel haben ihre ganz eigene Magie: der Atem der Macht, sie tragen dich dorthin, wo es kein anderer schafft. Phönixflügel sind Feuer und Wiedergeburt zugleich – sie verbrennen das Alte und holen dich in einen neuen Himmel. Und Eulenflügel umhüllen dich mit stiller Wachsamkeit, sie lehren dich, dass Klarheit nicht vom Licht abhängig ist.

Bedeutung hineinstricken

In meinem neuesten Tuch – schwarz-weiß in Schattenstrick – habe ich Runen eingestrickt, die von ausgebreiteten Flügeln herunterhängen. Runen sind per se Bedeutungsträger: Schutz, Kraft, Liebe, Hoffnung, Kampfgeist. Du kannst hineinstricken, was dir wichtig ist und was du brauchst. Das ist ähnlich wie bei einem Tattoo – viel mehr als nur Deko. Es sind Geschichten, deine Identität. Oder wie ein Sigil, ein Talisman: ein konzentriertes Symbol, das einen Wunsch bindet. Das muss man gar nicht esoterisch sehen – es erinnert dich. Jedes Mal, wenn du es siehst, erinnerst du dich. Und irgendwann geht es vom Kopf tief in den Körper hinein.

Stricken als Verstärker

Das ist es, was ich an Schattenstrick so liebe: Amplify. Stricken als Verstärker. Etwas größer machen, etwas tiefer in sich hineinholen, wie ein Mantra, wie ein Talisman. Das bedeutet für mich nicht einfach nur Stricken, sondern Bedeutung hineinstricken. Nicht bei jedem Stück – manchmal stricke ich auch einfach nur, um abzuschalten. Aber dann gibt es diese Dinge, die mehr sind. Und jedes Mal, wenn ich sie trage, erinnere ich mich: Das bin ich, das ist meine Geschichte.

Passende Garne aus dem Shop

Für Schattenstrick-Tücher mit starkem Kontrast eignet sich BC Garn Semilla GOTS besonders gut – klare Farbdefinition, sauberes Maschenbild. Wer den dramatischen Schwarz-Weiß-Look sucht, wird mit BC Garn Semilla Melange GOTS in den dunkleren Tönen glücklich. Und für Projekte, bei denen es um Tiefe und Textur geht: Kremke Soul Wool Edelweiss Classic 4ply liefert die Präzision, die Schattenstrick-Motive brauchen.

Claudia Wersing