Mein Gehirn ist ein Sturm. Und Stricken ist mein Anker. Zwei Stimmen reden in mir – die eine will alles sofort und wild, die andere will Ordnung bis auf den Millimeter. Ich habe Anteile von ADHS und Autismus, und Stricken ist der Ort, an dem sich die beiden nicht bekämpfen, sondern einander ergänzen. Es ist einer der Gründe, warum Strickdesign für mich immer der Traumjob war und ist.

Zwei Anteile, ein Widerspruch

Ich habe keine klassische Einzeldiagnose, sondern eine Mischung aus beidem. Der ADHS-Anteil will Freiheit, Spontanität, alles auf einmal – Kreativexplosion. Der Autismus-Anteil will System, Kontrolle, Perfektion, Tiefe. In vielen Lebensbereichen kämpfen diese beiden Seiten gegeneinander. Im Stricken nicht. Stricken ist beides gleichzeitig: kreativ und strukturiert, frei und regelbasiert, sinnlich und logisch.

Die Sturmphase

Es gibt Tage, an denen der ADHS-Anteil die Führung übernimmt. Reizüberflutung, zu viele Ideen, zu viele Eindrücke, zu viele offene Baustellen – alles gleichzeitig. Das ist anstrengend. Dieses Gefühl, zwischen Chaos und Kontrolle hin- und hergerissen zu sein, ist real. Wenn ich das merke, fange ich an zu stricken. Schon bei der ersten Masche fahre ich runter. Der Rhythmus beruhigt, die ersten Reihen wirken wie ein Anker, der mich aus der Reizüberflutung herauszieht. Stricken ordnet die Energie in etwas Greifbares – etwas, das man anfassen kann.

Werde ich gefragt, ob mir als Strickdesignerin jemals die Ideen ausgehen, ist die Antwort: Nein. Ich habe immer viel zu viele Ideen, als ich jemals werde umsetzen können. Und wenn ich mich in diesem Ideensturm verliere, verschafft mir Stricken die nötige Bodenhaftung.

Die Strukturphase

Dann gibt es die andere Phase. Ruhig, fokussiert, fast schon im Tunnel. Da arbeite ich stundenlang an einem einzigen Detail – etwa an der Konstruktion einer perfekten Armkugel. Nicht weil ich pingelig bin, sondern weil mir diese Tiefe des Konstruierens gut tut, weil ich mich darin verlieren kann, im besten Sinne. Der Autismus-Anteil liebt klare Linien, exakte Maße, keine Grauzonen, sondern messbare Struktur. Stricken gibt mir genau diesen Rahmen – einen, den ich selbst bestimme, in dem ich mich sicher fühle.

In dieser Phase bin ich extrem produktiv, aber auch extrem empfindlich für Störungen. Jede Unterbrechung ist wie ein Stromausfall, und es dauert ewig, bis ich wieder drin bin. In der ADHS-Welt heißt das Hyperfokus. Bei Autismus spricht man von Spezialinteresse. Bei mir ist es beides gleichzeitig.

Stricken als Übersetzer

Dazu kommt die sensorische Qualität: die Wolle, die Textur, der Klang der Nadeln, die Farbe – all das ist ein Eingangskanal, der mein Nervensystem beruhigt. Das klingt vielleicht esoterisch, aber es ist neurobiologisch messbar. Es ist Sensorik. Und Stricken hilft auch im Sozialen. Als Person mit autistischen Anteilen ist Socialising anstrengend. Stricken in der Gemeinschaft ist eine Form des Zusammenseins, bei der der Fokus nicht auf dem Gespräch liegt, sondern auf der gemeinsamen Tätigkeit. Das nimmt den Druck enorm raus.

Über die Jahre habe ich gelernt, dass meine beiden Seiten keine Gegner sind. Es sind zwei Werkzeuge. Und Stricken ist das, was beide nutzen können. Meine besten Designs entstehen nicht, wenn alles ruhig und perfekt ist, sondern wenn mein Gehirn auf Hochtouren läuft. Diese Erkenntnis hat mir geholfen, meine Art zu sein nicht als Problem zu sehen, sondern als Antrieb.

Stricken ist für mich kein Hobby. Es ist ein Werkzeug für mein Gehirn. Ein Übersetzer zwischen meinen beiden Anteilen. Im Sturm gibt es mir Halt. Im Tunnel gibt es mir Verbindung. Und es zeigt mir, was ich brauche – Struktur oder Freiheit, Ruhe oder Bewegung.

Passende Garne aus dem Shop

Für die Sturmphase, wenn es einfach und beruhigend sein darf: BC Garn Semilla Pura GOTS in einem tiefen, satten Farbton. Kraus rechts, loslassen, atmen. Für die Strukturphase, wenn das Gehirn Tiefe will: Kremke Soul Wool Edelweiss Alpaca 4-ply eignet sich perfekt für Projekte mit präziser Konstruktion und feinem Maschenbild.

Claudia Wersing