Für welchen Körper ist One Size eigentlich gedacht? Für meinen sicher nicht. Und ehrlich gesagt: Wahrscheinlich auch nicht für deinen. Diese Flut von One-Size-Kleidung in der modernen Mode ist mein persönlicher Horror. Aber für mich gibt es längst eine Alternative, die nicht nur anders funktioniert, sondern auch Respekt vor dem menschlichen Körper bedeutet: Stricken nach Maß.

Maßarbeit statt Einheitsform: Der erste Grund zum Selberstricken

Früher, da gab es sie noch: mehrere Größen, Größenspiegel, echte Varianten. Heute erleben wir das Gegenteil – eine wachsende Flut von One Size. Nicht, weil es der Realität entspricht oder weil es uns hilft oder weil wir es wollen. Sondern weil es der Industrie das Leben leichter macht. Fast Fashion wird dadurch erst möglich.

Stricken bedeutet dagegen Maßarbeit – selbst wenn du keine großen Änderungen an der Anleitung vornimmst. Du bestimmst die Maße für deinen Körper, deine Haltung, deinen Stil. Du entscheidest, wie ein Strickstück sitzen soll – niemand sonst.

Kein Körper gleicht dem anderen. Zwei Menschen mit denselben Maßen wirken in demselben Schnitt oft völlig unterschiedlich – wegen ihrer Haltung, Muskulatur, Verteilung und Bewegung. Die industrielle Mode ignoriert das komplett. Beim Stricken kannst du es berücksichtigen, ja, du kannst es richtig feiern. Ich baue mir genau die Länge, die Weite, den Ausschnitt, die ich haben will – wie mein Körper sie braucht. Nicht wie irgendein theoretischer Durchschnittskörper sie bräuchte. Und selbst wenn das Strickstück dabei nicht perfekt wird: Es gehört dir in Form, in Arbeit, in der Geschichte. Es trägt deine Entscheidungen und ist deshalb immer noch besser.

Wenn Passform passt, verändert das alles

Es ist nicht dramatisch gemeint, aber es ist wahr: Wenn Kleidung passt, verändert das dein ganzes Leben. Es verändert, wie du dich fühlst, wie du dich bewegst, wie du auftrittst. Ein Pullover, dessen Schultern genau an deinen Schultern sitzen. Ärmel, die dort enden, wo dein Arm es mag. Eine Länge, die mit deiner Figur arbeitet und nicht dagegen. Das ist kein Luxus – das ist Respekt. Respekt für dich, für deinen Körper, mit dem du ja täglich lebst.

Ich zum Beispiel stricke mir oft eine Größe größer, weil ich es mag – nicht als Sack, sondern als geschickt wirkende Übersize. Gleichzeitig bin ich groß: lange Beine, lange Arme. In Geschäften finde ich selten etwas, das mir wirklich passt. Zu kurze Ärmel, hochrutschende Bündchen – Horror. Beim Selberstricken kann ich selber entscheiden: verlängern, verkürzen, enger, weiter. Ich baue mir meine Maße selbst – und das kann ich nur beim Stricken.

Die Freiheit zu verändern: Gestrickt, nicht fertig

Ein gekauftes Kleidungsstück ist wie es ist. Zu kurz? Pech. Zu lang? Auch Pech. Ein gestrickter Pullover dagegen lebt mit dir mit. Er ist kein starres Produkt – er ist ein Prozess. Er ist wandelbar.

Wenn er zu kurz ist, strickst du ihn länger. Gerade beim Raglan von oben kannst du jederzeit Zentimeter dazustricken. Wenn er zu lang ist, kannst du von unten kürzen. Wenn die Ärmel zu weit sind, nähst du sie ab. Das ist keine nervige Korrektur – das ist Freiheit. Mit jedem Mal, wo du nachjustierst, lernst du mehr über Stricken und über deinen Körper selbst. Du wirst sicherer in dem, was dir steht. Das tut dem Selbstbewusstsein unfassbar gut.

Dein Grundschnitt, dein Standard: Das persönliche Fundament

Wenn du fortgeschrittener Stricker bist, würde ich dir raten: Mach dir einmal einen Grundschnitt auf deine Maße. Ein Basismodell, das deine realen Maße abbildet – Brust, Taille, Hüfte, Schulterbreite, Rückenlänge, Ärmellänge. Daraus kannst du alles ableiten: Pullover, Jacken, Kleider.

Ich zum Beispiel bin oben schmaler in den Schultern als an der Hüfte – oben eine 42, unten eine 46. Bekomme ich in der Mode dafür eine Lösung? Nein. Beim Stricken ist das gar keine Schwierigkeit. Ich setze die Breite dahin, wo ich sie brauche – nicht dahin, wo jemand meint, sie müsste sein. Mit Tools wie Designernetit, einem digitalen Strickprogramm, kannst du einen solchen Grundschnitt digital anlegen und ihn dann immer wieder verwenden. Mit jeder neuen Wolle, jeder Maschenprobe. Sogar wenn sich dein Körper verändert – ein Zentimeter mehr oder fünf – hast du es mit einem Klick wieder passend.

Respekt für alle Körper: Stricken als politische Aussage

Am Ende geht es darum, mit deinem Körper zu arbeiten – nicht gegen ihn. Stricken ist kreativ, ja, klar. Aber es ist auch präzise. Stricken macht sichtbar, was Mode verlernt hat: dass Körper unterschiedlich sind. Dass Körper nicht das sind, was man in weite, unförmige Kleidung verstecken muss.

One Size ist für mich das neue „egal". Was ist das auch für eine Respektlosigkeit, so zu tun, als würden alle Menschen einem Durchschnitt entsprechen? Ich bin schon lange im Strickbereich und mehrere Jahrzehnte in der Textil- und Modebranche – diese Entwicklung kann ich nicht nachvollziehen. Der Trend sollte ins Gegenteil gehen: ins Individuelle, in angepasste Passform, nicht ins One Size.

Ich bin nicht durchschnittlich. Ich werde es nie sein. Und ich will es auch gar nicht sein. Deshalb stricke ich. Ich passe an mich an. Das hat für mich nichts mit einem perfekten Ergebnis zu tun. Auch mir gelingt das nicht immer sofort. Das braucht aber gar nicht das Ziel zu sein. Mein Ziel ist: Ich bin mein eigener Standard. Ich schätze und respektiere mich so wie ich bin – und ich bin ganz sicher nicht durchschnittlich. Ich bin mein eigenes Maß.

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Claudia Wersing
Getaggt: Design Persönlich