Ich wusste früher nicht, was ich werden wollte. Studium war nichts für mich, aber ein Job? Ja – nur welcher? Eine Ausbildung? Ja – aber in welchem Bereich? Und wie es manchmal im Leben passiert, bin ich ohne klare Entscheidung in einer überbetrieblichen Maßnahme zur Damenschneiderin gelandet. Mit dreißig anderen Mädels, die alle das Gleiche lernen wollten.
Und dann kam das erste Praktikum – das, das alles verändern sollte.
Ein Praktikum, das alles veränderte
Es war eine Couturschneiderei, die Kollektionen für Karen Pflege herstellt. Nicht Fließband, nicht Massenproduktion – handwerklich, mit traumhaften Stoffen. Seide, Satin, Samt, Corsets mit Stäbchen, Abendkleider aus Stoffen, die unfassbar leuchteten, mit Farben, die glühten.
Ich war im Paradies. Das war reines Handwerk kombiniert mit wunderschönen Stoffen und der Haptik, der Sinnlichkeit dieser Arbeit. Ich kam aus einer Großfamilie, in der Handarbeit schon ein Thema war – aber nicht auf dieser Ebene, nicht mit dieser Qualität. In diesem Moment wusste ich: Das wird mein Job. Das ist mein Beruf. Das ist meine Berufung.
Ich wechselte von der überbetrieblichen Maßnahme in die Schneiderei, beendete dort meine Ausbildung, machte meine Gesellenjahre, dann den Meister, studierte weiter. Und egal, welche Tätigkeit danach in der Bekleidungsindustrie folgte – Produktionsüberwachung, Qualitätskontrolle, Ausbildung anderer Azubis oder das Produktionsreif-Machen von Designer-Kollektionen – meine Handwerksausbildung war die unfassbar wertvolle Grundlage für alles Weitere.
Handwerk als Grundlage für alles
Meine Schneiderlehre gab mir, was keine noch so gute Theorie hätte geben können. Schnittkonstruktion wurde greifbar, die Logik wurde greifbar durch die Arbeit mit den Händen, durch das Nähen, durch die Stoffe. Theorie und Praxis zusammen – das war mein Fundament.
Als ich dann meine erste Industrienähermaschine bediente, war das ein Schock. Alles auf Tempo, keine Stecknadeln, kein Heften – nur Geschwindigkeit. Ich fragte mich: Kann ich überhaupt hier nähen? Aber ja – weil Handwerk die Grundlage war. All die Jahre später in der Bekleidungsindustrie, als ich Designs von Designern produktionsreif machte, Material testete, Schnitte anpasste und Passformen kontrollierte – all das war möglich, weil ich die Handwerksgrundlagen hatte.
Und die Auslandseinsätze – Bulgarien, Marokko, Tunesien, Litauen – in riesigen Produktionshallen mit hunderten von Näherinnen. Wenn man dort neu hinkommt, hat man es schwer. Die Näherinnen musterten mich kritisch. Aber als sie merkten, dass ich Ahnung hatte, wussten sie sofort: Respekt. Und das war möglich, weil Handwerk nicht nur ein Papiertitel war, sondern echtes Können.
Dann kam klassisch Familie, Kinder, ich arbeitete viel von zu Hause. Und immer wieder merkte ich: Mein handwerklicher Hintergrund gab mir so vieles. So viele Möglichkeiten.
Von der Industrie in die Freiheit
Strickdesign kam ganz natürlich dazu. Ich hatte schon in der Strickkonfektion der Industrie gearbeitet, da war der Schritt zum Handstricken nicht groß. Und es wurde schnell ein Selbstläufer. Meine ersten Designs erschienen in Verena stricken, dann Burda, Brigitte, Sabrina Stricktrends. Dann kamen internationale Anfragen für Handstrickkollektionen.
In meiner Selbständigkeit habe ich im Laufe der Jahre alles gemacht, was es im Design- und Textilbereich gibt: Maßanfertigungen, gestrickte Kollektionen, genähte Kollektionen, Kurse, Einzelunterricht, Zeitschriftenbeiträge, redaktionelle Kooperationen, Strickreisen, Redaktion einer Strickzeitschrift, eigenes Wollgeschäft, eigene Online-Shops. Alles führt zurück auf meine ursprüngliche Handwerksausbildung. Das war der Grundstock.
Die Jahre, in denen ich für große Firmen als Strickdesignerin arbeitete, waren toll – international, Honorardesigns, große Namen. Aber auf einer anderen Seite machten mich diese Jahre auch krank. Große Firmen sind nicht dazu gemacht, den einzelnen Menschen zu sehen. Sie pressen Leistung heraus. Und je älter ich wurde, desto weniger konnte ich die Masken tragen, die man sich auferlegt, um "normal" zu sein, um einzupassen.
Ich habe neurodiverse Züge, und das wurde mit den Jahren immer stärker – auch bei meinen eigenen Kindern. Ich merkte: Schulabschluss um jeden Preis ist nicht die Frage. Die richtige Frage ist: Was braucht ein Mensch, um seelisch gesund zu sein? Das ist ein riesiger Unterschied.
Warum ich heute ja sage
Jahre später bin ich komplett in die Selbständigkeit gegangen. Komplett auf eigenen Beinen. Und ich habe das nie bereut. Ich bin heute gesünder als je zuvor, motivierter, freier, kreativer, selbstbestimmter. Das ist mein größter Gewinn.
Früher habe ich jedem abgeraten: Werde bloß keine Schneiderin, mach keine Ausbildung, lass es. Unterbezahlt, kaum Chancen. Heute sehe ich das ganz anders. Heute sage ich: Lern das, was dich erfüllt. Wenn dir Handwerk Freude macht, wenn es dich ruft – geh den Weg. Was man daraus macht, ist heute völlig offen.
Niemand ist mehr angewiesen auf große Konzerne oder Wirtschaftsunternehmen. Dank Internet, Social Media und neuer Möglichkeiten schaffen einzelne Menschen heute Dinge, für die früher Unternehmen nötig waren.
Vielleicht ist das der Grund, warum gerade junge Menschen wieder Sehnsucht nach echtem Handwerk haben. Es erdet. Es ist sinnlich. Es ist ein Gegengewicht zu der digitalen, entkörperlichten Welt – die nicht weggeht, die wird bleiben. Aber um gesund zu bleiben, braucht man ein Gegengewicht.
Meine Tochter macht aktuell eine Ausbildung zur Damenschneiderin. Was sie später damit macht, ist noch völlig offen. Aber vielleicht ist die Kombination von Handwerk und Technik – wenn man beides liebt und davon weiß – einer der erfüllendsten Wege, den man gehen kann.
Handwerk ist keine Sackgasse. Es ist ein erfüllender Weg, wenn man ihn für sich selbst gestaltet. Heute vielleicht erfüllender als je zuvor – mit größeren Chancen als je zuvor.
Garne für die handwerkliche Arbeit:
BC Garn Hamelton Tweed 1 GOTS · Hey Mama Wolf Mokosh Merino d'Arles GOTS · Erika Knight Pure Tweed · Kremke Soul Wool The Merry Merino 220 GOTS · Amano Andes Alpaca merino
