Vor zwei Wochen habe ich bemerkt, dass ich meine Maschen abends wieder gut sehen kann. Ich sitze auf dem Sofa, die Nadeln in der Hand, und plötzlich: Ich sehe die Maschen deutlich, ohne dass ich die Lampe einschalten musste. Das letzte Tageslicht kommt durch das Fenster – nicht viel, aber genug. Das war vorher nicht so. Noch vor zwei Wochen war das Garn in meinen Händen ein dunkler Fleck, mehr gefühlt als gesehen. Dasselbe Garn, dieselbe Lampe, dieselbe Umgebung, aber plötzlich anders. Das Licht hat sich verändert. Diese einfache, fast unmerkliche Beobachtung hat mich dazu gebracht, über etwas nachzudenken, das im Stricken unterschätzt wird: Wie sehr unsere Arbeit von den Jahreszeiten und dem Licht abhängt. Nicht nur praktisch, sondern auch emotional und kreativ. Es ist eine tiefe Verbindung, die ich erst richtig verstanden habe, als sie mir fehlte.
Licht bestimmt, was du siehst
Das Offensichtliche zuerst: Unter einer Schreibtischlampe sieht ein Garn völlig anders aus als bei Tageslicht. Warmes Licht schluckt die Blauanteile. Kaltes Licht schluckt die Gelbtöne. Natürliches Licht hat ein breiteres Farbspektrum – es zeigt dir die ganze Wahrheit. Kunstlicht verzehrt bestimmte Farbtöne; es ist nicht böse gemeint, aber es ist unvollständig. Die Farbe selbst bleibt gleich, aber deine Wahrnehmung ändert sich dramatisch. Das Gleiche Garn kann unter einer Schreibtischlampe ein warmes Cognac sein, und im Tageslicht plötzlich kühler, fast Richtung Milchkaffee. Welche Version ist die echte? Die unter Kunstlicht? Oder die in Tageslicht? Die Antwort: Das Tageslicht ist ehrlicher. Es ist gnadenlos.
Das wusste schon meine Mutter aus ihren Jahren im Wollgeschäft. Sie ging mit Kundinnen und ganzen Armvoll Wolle raus auf den Hof, zum Fenster, ans Licht – um die Farben wirklich zu sehen. Nicht, wie sie unter Kunstlicht funkeln, sondern wie sie tatsächlich sind. Die Regel war: Wenn die Farbe auch in diesem super hellen, nüchternen, ehrlichen Licht hält, dann passt sie. Das ist kein Schnörkel, das ist Handwerk. Das ist das Erbe von Generationen von Wollverkäuferinnen, die wussten: Farbe ist nicht objektiv. Farbe ist Licht. Und Licht ist subjektiv.
Wenn du dir ein Garn kaufst oder eine Farbkombination wählst, weil sie unter deiner Schreibtischlampe schön aussieht, und es dann in Tageslicht gestrickt hast, könnten die Farben zusammen völlig anders wirken. Die falsche Pairing unter dem falschen Licht zu treffen ist leicht. Deshalb: Garne immer ans Fenster halten, bevor du dich entscheidest. Das kostet zwei Minuten und erspart dir später Enttäuschung. Es ist die kleinste Praxis und die größte Lektion.
Licht bestimmt, wie du strickst
Aber Licht wirkt sich nicht nur auf das aus, was du siehst – es wirkt sich auf dein Stricken selbst aus. Im Winter stricke ich abends, müde, nach einem langen Tag. Mein Nervensystem ist in einen anderen Rhythmus gekommen. Was liegt da näher, als Glattrechts zu stricken? Einfache Muster, die meine Hände kennen, wo ich nicht auf Maschen zählen muss. Krausrechts. Bordüren. Sachen, die unbewusst laufen. Im Frühling, wenn das Licht länger wird und anders fällt, kriege ich auf einmal Lust auf Zopfmuster. Auf Farbkombinationen. Auf Dinge, die Aufmerksamkeit verlangen. Das ist nicht nur Laune – das ist Biologie. Licht verändert unser Nervensystem, und das verändert, was wir können und wollen. Im Sommer draußen zu stricken fühlt sich anders an als abends drinnen. Alles ist leichter, offener, weniger Konzentration nötig. Die Muster werden einfacher, die Garne leichter, der Fokus breiter.
Licht bestimmt, warum du strickst
Das Interessanteste ist: Die Jahreszeit bestimmt auch, wofür dein Stricken da ist. Im Winter ist Stricken für mich Regulation. Ein Anker, ein Rhythmus, etwas, das stabilisiert. Wenn alles dunkel ist und die Tage kurz, brauche ich das Stricken als eine Art innere Uhr. Im Frühling wird es zur Neugier. Ich plane, überdenke, probiere neue Sachen aus. Der Sommer macht mein Stricken zur Freiheit – es soll leicht sein, tragbar, etwas, das ich mit nach draußen nehme. Im Herbst zieht es mich wieder nach innen, aber auf eine andere Weise als Winter. Die Jahreszeit verändert nicht nur das Wie und das Was, sondern auch das Warum.
Die Jahreszeiten auf der Haut spüren
Das Wichtigste, das mir aus einem sehr dunklen Jahr beigebracht hat, wie sehr der Körper Jahreszeiten braucht. Nach dem Tod meines Hundes – mit mir zusammen 15, 16 Jahre lang – bin ich ein ganzes Jahr lang nicht spazieren gegangen. Kein bewusstes Ja, keine Blockade, es passierte einfach. Der Grund rauszugehen war weg. Die Routine war weg. Ich brauchte keinen Grund mehr. Also ich ging nicht. Keine dramatische Geschichte, einfach nur: Ich ging nicht.
Nach einem Jahr merkte ich, dass mir die Jahreszeiten fehlten. Aber nicht der Hund primär – sondern der körperliche Kontakt mit den Jahreszeiten. Der Moment, wenn du merkst, dass die Luft anders riecht. Dass die Sonne anders auf der Haut liegt. Dass Frühling wirklich angekommen ist, weil dein Körper es weiß, nicht weil der Kalender es sagt. Das Ganze Sensorium: wie riecht die Luft, wenn Frühling anfängt? Wie sieht Licht um sieben Uhr draußen aus, nicht durch ein Fenster gefiltert? Ich hatte das alles verloren. Es war wie eine Sinneslähmung. Und das war der Schlag: Es war nicht der Hund, den ich vermisst hatte. Es war die Jahreszeit selbst.
Und ich merkte: Das ist es, das Stricken macht für mich. Es hält mich in den Jahreszeiten verankert. Genauso wie Spazierengehen. Die Garne verändern sich, die Farben verändern sich, das Tempo verändern sich. Im Winter stricke ich dunkle Wellen und ruhige Muster. Im Sommer stricke ich heller, mutiger. Das Stricken ist mein zweiter Kanal zur Jahreszeitverbindung. Und ohne das? Ich hätte merkt, dass ich verloren bin.
Mit den Jahreszeiten stricken, nicht dagegen
Was ich gelernt habe: Es geht nicht darum, überall und immer zu stricken. Es geht darum, mit deinem Körper und dem Licht zu arbeiten, nicht dagegen. Im Sommer ein Sockenmuster unter einer Schreibtischlampe zu planen, das ist möglich – aber es fühlt sich falsch an. Wenn du abends unter Kunstlicht sitzen willst, nimm ein einfaches Muster und ein schweres Garn. Wenn du im Frühling mit neuem Licht experimentieren willst, dann probiere die Zopfmuster aus. Wenn du im Sommer draußen sitzt und dein Nervensystem ist offen und leicht, dann stricke etwas, das diese Leichtigkeit trägt. Das ist nicht dogmatisch, das ist Respekt vor dem eigenen Körper und dem Licht, das uns umgibt. Dein Stricken wird lebendiger, wenn du aufhörst, es gegen die Jahreszeiten zu stricken und anfängst, mit ihnen zu stricken.
Garne für verschiedene Jahreszeiten:
Für den Sommer – BC Garn Lino – Ein feines Leinengemisch, das sich leicht anfühlt und unter heller Sonne ideal ist. Einfache Muster genug.
Für den Sommer – Kremke Morning Salutation vegan fino – Ein veganes Feingarn, perfekt für leichte Projekte an der frischen Luft mit maximalem Leichte-Feeling.
Für den Winter – Kremke Edelweiss Alpaca 6-ply – Ein warmes, kuscheliges Alpakagarn, das abends unter Lampe wunderbar zu stricken ist und die Maschen gut zeigt.
Für den Winter – Cowgirlblues Fluffy Mohair – Ein üppiges, dichtes Garn, das bei einfachen Mustern meditative Momente schafft und Wärme gibt.
Für Frühjahr & Herbst – Cowgirlblues Merino DK – Ein zeitloses Garn, das zur Überganszeit passt, weil es sich für überraschend viele Muster eignet.
