Es gibt Dinge, die gehören so selbstverständlich zum Stricken, dass man sie kaum noch hinterfragt. Nadeln. Wolle. Gutes Licht. Und dann gibt es das eine Ding, ohne das bei mir gar nichts geht: Kaffee. Schwarz, mehrmals am Tag, rund um die Uhr. Kein Trend, kein Ritual für Instagram – sondern die Grundlage, auf der mein gesamter Arbeitstag steht.

Kalter Entzug, warme Erkenntnis

Irgendwann hat mich das schlechte Gewissen gepackt. So viel Kaffee kann nicht gesund sein, dachte ich, und beschloss spontan, ihn einfach wegzulassen. Von heute auf morgen. Kein Ausschleichen, kein Ersatz – einfach Stopp.

Was dann passierte, war eindrücklich. Ich bin nicht wach geworden. Nicht ein bisschen müde – komplett im Nebel. Ich stand im Bad und wusste die Reihenfolge nicht mehr, in der ich mich fertig mache. Am Schreibtisch konnte ich keine Prioritäten mehr setzen. Und dann kam ein Kopfschmerz, wie ich ihn nie zuvor erlebt hatte. Eine Migräne, die mich ins Bett zwang, Raum abdunkeln, nichts ging mehr. Mein Sohn kam irgendwann, sah mich liegen, fragte, was los sei, und stellte die entscheidende Frage: „Du hast Kaffee weggelassen – bist du irre?"

Er kochte mir eine Tasse. Eine halbe Stunde später begann der Kopfschmerz abzuklingen. Noch eine halbe Stunde, und ich konnte wieder klar denken. Anderthalb Stunden später war alles vorbei. An dem Tag habe ich beschlossen: nie wieder.

Wenn das Gehirn anders tickt

Irgendwann las ich, dass neurodivergente Gehirne Koffein anders verarbeiten. Ob das wissenschaftlich im Detail belegt ist, kann ich nicht beurteilen – aber es würde vieles erklären, was ich an mir beobachte. Bei ADHS und Autismus kann Kaffee paradox wirken: nicht als Aufputscher, sondern als Fokusbringer. Er beruhigt, statt aufzudrehen. Er bringt Ordnung ins Chaos.

Genau das erlebe ich täglich. Kaffee macht mich nicht nervös, er ankert mich. Ich kann ihn abends trinken und danach fantastisch schlafen. Wo andere überdreht wären, komme ich in eine klare Linie. Seit ich das verstanden habe, mache ich mir kein schlechtes Gewissen mehr. Mein Körper weiß, was er braucht.

Die stille Stunde am Morgen

Mein liebster Moment mit Kaffee ist der frühe Morgen. Draußen noch dunkel, niemand wach außer mir. Ich sitze mit meiner Tasse am Rechner, werde langsam wach, schaue durch meine Wollfarben, meine Strickdesigns. In dieser stillen, sich langsam entfaltenden Stunde kommen die besten Ideen. Das Gehirn arbeitet noch nicht an der Oberfläche, sondern tiefer – weicher, durchlässiger, offener. Und dann der Kaffee dazu, und die Beschäftigung mit schönen Dingen. In diesem Moment sehe ich Muster, Farben, Designs. Alles macht Sinn.

Ohne Kaffee kann ich nicht arbeiten, nicht gestalten und nicht stricken. Mit Kaffee habe ich Ideen, Lust und Fokus. So einfach ist das bei mir.

Was dein Strickgetränk über dich verrät

Und weil mich das Thema neugierig gemacht hat, hier ein kleiner, streng unwissenschaftlicher Getränketest – mit Augenzwinkern, aber vielleicht erstaunlich treffend:

Wer Espresso trinkt, braucht Druck und Klarheit. Liebt Zopfmuster und strukturierte Designs, strickt schnell, effizient, manchmal leicht wütend – und flucht beim Zählen. Kräutertee-Trinkerinnen wollen Harmonie. Das Projekt muss sich gut anfühlen, in den Händen und im Herzen. Kein Feuerwerk nötig, nur Frieden. Coldbrew- oder Matcha-Typen brauchen Reiz und Anreiz, haben Energie für zehn Projekte gleichzeitig und finden das völlig in Ordnung. Milchkaffee und Kakao bedeuten Wärme und Kuscheligkeit – Playlist, Duftkerze, Kuscheldecke, Lieblingsfarben in Beige oder Rosenholz, keine Maschenprobe und trotzdem perfekte Ergebnisse. Und wer einfach nur klares Wasser trinkt, strickt meditativ und monochrom, ohne Aufregung, mit achtsamer Ruhe.

Was auch immer in deinem Becher ist: Es gehört zum Stricken dazu. Nicht als Nebensache, sondern als Teil des Rituals, das aus einer Handarbeit ein Zuhause macht.

Passende Garne aus dem Shop

Für die stille Morgenstunde mit Kaffee und Strickzeug passen Garne, die sich gut anfühlen und nicht zu viel Aufmerksamkeit verlangen. Kremke The Merry Merino 110 in einem warmen Naturton ist dafür wie gemacht. Und wer es sich richtig gemütlich einrichten will: Das Cocoknits Sweater Care Set hält gestrickte Lieblingsstücke in Schuss – damit sie so lang halten wie die Gewohnheit, morgens den ersten Kaffee einzuschenken.

Claudia Wersing