Muss Stricken eigentlich immer effizienter werden? Immer perfekter, immer besser durchdacht? Meine Antwort darauf ist klar: Nein. Denn je länger ich stricke, desto deutlicher wird mir, dass Effizienz beim Stricken nicht der Punkt ist. Es geht mir nicht darum, die objektiv beste Technik zu finden. Es geht mir um Vertrautheit – um das Gefühl, das eine Methode in mir auslöst.
Vertrautheit ist ein unterschätzter Faktor
Wenn ich zwei Methoden kenne, wähle ich nicht die, die auf dem Papier besser abschneidet, sondern die, die sich nach mir anfühlt. Das klingt vielleicht ungewöhnlich, aber dahinter steckt etwas Tiefes. Die Dinge, die wir immer wieder tun, die Art, wie wir stricken – das hat eine Bedeutung, die weit über Technik hinausgeht. Wenn ich weiß, wie sich eine Methode anfühlt, kann ich loslassen. Dann brauche ich nicht nachdenken. Dann komme ich in diesen Flow, bei dem das Stricken aufhört, Arbeit zu sein und anfängt, Meditation zu werden. Und das geht nicht, wenn ich ständig optimiere, ständig umdenke und ständig vergleiche.
Toe Up ausprobiert – und wieder gelassen
Ich habe Toe Up ausprobiert. Es war faszinierend, aber es war nicht mein Ding. Nicht weil die Methode schlecht ist – sie funktioniert für viele perfekt. Aber ich habe mich damit nicht verbunden gefühlt. Mir fehlte das Vertraute, der Groove, der Rhythmus, den ich bei Top Down spüre, weil ich seit Jahrzehnten so stricke. Das ist nicht rational. Es ist nicht logisch. Es ist ein Gefühl. Und es ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis, sich in etwas wiederzufinden und nicht immer alles zu hinterfragen.
Der emotionale Wert einer Methode
In vielen Diskussionen übers Stricken wird verglichen und bewertet. Technik gegen Technik, Methode gegen Methode. Aber der emotionale Wert einer Strickmethode wird selten angesprochen. Mir persönlich hilft es, wenn ich sage: Ich stricke so, wie es sich für mich richtig anfühlt – nicht wie es laut Tutorial effizienter wäre. Nicht jedes Strickprojekt muss ein Meisterwerk werden. Manchmal ist ein einfaches Glattrechts genau das Richtige. Dieses Gefühl, nicht nachdenken zu müssen, die Nadeln klicken zu hören und einfach nur da zu sein – das ist wie nach Hause kommen.
Für wen strickst du eigentlich?
Wenn du dich nicht traust, etwas Einfaches zu stricken, weil du glaubst, du müsstest immer mehr, immer besser, immer was Neues – dann frag dich: Für wen machst du das eigentlich? Wir stricken für uns. Und wenn mir heute nach einem schlichten Raglan ist, weil mein Tag laut genug war, dann ist das die absolut richtige Entscheidung. Es ist ein bisschen wie beim Lesen. Manchmal liest du ein hochkomplexes Buch, weil du gefordert werden willst. Und manchmal liest du einen Schmöker, weil du einfach nur eintauchen willst, ohne nachzudenken. Beides ist richtig, beides hat seinen Wert.
So sehe ich Stricken auch. Manchmal Technik, manchmal Experiment, manchmal bewusst etwas, das man kennt und liebt, weil es gut tut. Lernen, wachsen, Neues entdecken – alles großartig. Aber schlicht bleiben, vertraut bei alten Methoden, die man in- und auswendig kennt, das ist genauso wertvoll. Denn im Stricken geht es am Ende nicht um die perfekte Methode. Es geht darum, den eigenen Rhythmus zu finden und ihn zu genießen.
Passende Garne aus dem Shop
Wer sich ein Projekt gönnen will, bei dem es um genau dieses Gefühl geht – ankommen, loslassen, stricken ohne nachzudenken –, dem empfehle ich Amano Riti Merino. Eine wunderbar ehrliche Merinowolle, die sich in Glattrechts und schlichten Raglanschnitten von ihrer besten Seite zeigt. Und wer es noch weicher mag: BC Garn Semilla GOTS ist ein Klassiker, der sich nach Vertrautheit anfühlt, noch bevor die erste Masche sitzt.
