In letzter Zeit denke ich viel darüber nach, was mich jung hält. Nicht jung im Sinne von: keine Falten. Sondern wach, energiegeladen, lebendig. Ich bin seit Jahrzehnten Strickdesignerin, ich liebe meinen Job, und natürlich hilft das. Aber je tiefer ich darüber nachdenke, desto klarer wird: Stricken hält jung. Nicht als Behauptung, sondern als etwas, das ich an mir beobachte – seit Jahren.

Was „jung" hier bedeutet

Wenn ich sage, Stricken hält jung, meine ich eine Energie. Eine Lebendigkeit. Die Fähigkeit, mit der eigenen Identität verbunden zu sein, egal wie alt man ist. Nicht jung aussehen – sondern sich lebendig fühlen. Und diese Lebendigkeit hat für mich drei Quellen, die ich direkt mit dem Stricken verbinde.

Mental und emotional: wach bleiben

Wer geistig wach bleibt, altert anders. Neugier und Lernfreude sind die ersten Faktoren – und Stricken liefert beides im Überfluss. Jedes neue Projekt ist eine Entscheidung: Welches Garn, welche Farbe, welche Technik? Selbstbestimmtheit gehört dazu. Wer für sich selbst entscheidet – beim Stricken und darüber hinaus –, bleibt in Bewegung. Dazu kommt das, was Psychologen Flow nennen: dieses Versinken im Tun, bei dem die Zeit verschwindet und man sich selbst vergisst. Stricken erzeugt das regelmäßig. Der repetitive Rhythmus, die Konzentration, das langsame Wachsen eines Stücks unter den eigenen Händen – das ist kein Hobby. Das ist ein Zustand, in dem man spürt, dass man lebt.

Körperlich: Feinmotorik und Rhythmus

Stricken ist Handarbeit im wörtlichsten Sinn. Die Finger bewegen sich fein und präzise, der Rhythmus der Nadeln beruhigt, und es gibt Untersuchungen, die nahelegen, dass genau dieses Zusammenspiel aus Feinmotorik und Repetition die Neuroplastizität fördert – also die Fähigkeit des Gehirns, sich zu reorganisieren. Dazu kommt der sensorische Input: die Wolle zwischen den Fingern, die Farbe, die man sieht, der Klang der Nadeln. All das ist kein Beiwerk. Es hält das Nervensystem aktiv und verbunden.

Sozial und ästhetisch: Verbindung und Schönheit

Stricken verbindet Menschen. Das Gefühl, zu einer Community zu gehören, ist eine eigene Kraft. Und dann ist da die Ästhetik: die Freude an Farbe, an Textur, an Design. Das ist kein Luxus. Es ist ein Lebenselixier. Wer Schönheit erschafft, bleibt lebendig – weil man sich mit etwas verbindet, das über den Alltag hinausgeht.

Was sich bei mir verändert hat

Vor meiner Selbstständigkeit hatte ich einen Bürojob. Tägliches Pendeln, abends erschöpft, keine Energie. Ich habe funktioniert. Seit ich mich mit Anfang 50 selbstständig gemacht habe, ist mein Alltag ein völlig anderer. Mehr Bewegung, bessere Ernährung, und Stricken hat einen ganz anderen Stellenwert bekommen. Es hat mich gelehrt, Entscheidungen anders zu treffen und nicht länger andere für mich entscheiden zu lassen. Es hat mir gezeigt, dass Schönheit nicht perfekt sein muss, sondern persönlich. Und seit ich diese Haltung nicht nur beim Stricken lebe, fühle ich mich jünger – wacher, klarer, verbundener.

Was mich besonders begeistert: In meinen Lives und Kommentaren sehe ich Frauen, die genau das an sich entdecken. Frauen, die anfangen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Die plötzlich Farbe tragen, nachdem sie jahrelang nur Grau oder Schwarz gewählt haben. Die sagen: Ich stricke das jetzt, egal was andere denken. Dieser Moment, in dem man entscheidet, etwas für sich selbst zu tun – das ist die Kraft, die ich meine.

Obsession als Jungbrunnen

Wenn ich es auf einen Punkt herunterbreche: Mein persönlicher Jungbrunnen ist die Obsession. Nicht Stricken an sich, sondern die Intensität, mit der ich es tue. Die Intensität, mit der ich an Designs arbeite, mit der ich lebe. Obsession ist die Quelle meines Antriebs, und sie ist gleichzeitig das, was Stricken in mir auslöst – ein Kreislauf, der sich selbst erneuert.

Wenn man obsessiv in etwas ist, hat man irgendwann keine Lust mehr, dass andere einem die Lebensfreude runterziehen. Man sortiert aus. Man stellt ab, was nicht gut tut. Das klingt vereinfacht, aber im Kern mache ich es genau so. Stricken hält mich jung, weil es mich bei mir selbst hält. Und von dort aus verändert sich alles andere.

Passende Garne aus dem Shop

Wer sich ein Projekt gönnen will, das genau dieses Gefühl auslöst – langsam, sinnlich, mit Substanz –, dem empfehle ich BC Garn Jaipur Peace Silk. Es ist ein Garn, das man nicht einfach nur verstrickt, sondern erlebt. Und wer in Farbe investieren möchte, die Mut macht: Die Kollektion Handgefärbt und Verlaufsgarne von Cowgirlblues und Manos del Uruguay liefert Töne, die man tragen will, weil sie etwas mit einem machen.

Claudia Wersing
Getaggt: Persönlich