Mein Strickanfang liegt Jahrzehnte zurück, und die typischen Anfängerfehler beim Stricken mache ich längst nicht mehr. Was ich aber kenne – aus Kursen, Knittelongs, Mails und Kommentaren – sind die Stellen, an denen es regelmäßig hakt. Es sind oft dieselben Dinge. Zehn davon habe ich gesammelt, mit dem Wissen aus über 30 Jahren als Strickdesignerin.

Nicht jedes Garn ist dein Freund

Der häufigste Anfängerfehler beim Stricken beginnt beim Material. Es gibt Garne, die das Stricken leichter machen – und solche, die es unnötig schwer machen. Splittige Garne, bei denen die Nadel ständig in die Einzelfäden sticht, kosten mehr Nerven als Freude. Sehr dünne Flauschgarne und Nadelstärken unter 3,5 sind für den Einstieg ebenfalls ungünstig. Eine Merino-Wolle in Stärke 4 bis 5 ist der Anfängertraum: weich, griffig, verzeihend. Damit üben, Schritt für Schritt vorarbeiten, und an schwierigere Garne herantasten, wenn die Routine da ist.

Die Nadelstärke auf der Banderole ist keine Pflicht

Was auf der Banderole steht, ist eine Empfehlung – kein Gesetz. Viele Anfängerinnen denken: Da steht 4,5 drauf, also muss ich mit 4,5 stricken. Nein. Es kann sein, dass 4 besser liegt oder sogar 3,5. Was am Ende zählt, ist die eigene Maschenprobe. Die Empfehlung auf der Banderole ist ein Ausgangspunkt, nicht mehr. Zwei bis drei Nadelstärken rund um die Empfehlung zu probieren – die empfohlene plus jeweils eine darunter und darüber – ist der beste Weg, die eigene passende Stärke zu finden.

Aufribbeln ist kein Versagen

Es ist das Gegenteil. Aufribbeln zeigt, wann etwas besser geht. Gerade das macht Stricken so besonders: Man kann es problemlos rückgängig machen. Die Wolle ist nach dem Aufribbeln fast genauso wie vorher – kein Materialverlust, kein Schaden, nur ein neuer Anfang. Wer drei Reihen weiter einen Fehler entdeckt, sollte ohne schlechtes Gewissen auftrennen. Und wer mag, fädelt eine Rettungsleine durch die Maschen, damit man nicht weiter aufribbelt als nötig.

Maschenproben – langweilig, aber unbezahlbar

Eine Maschenprobe ist das wertvollste Stück Stricken vor dem eigentlichen Projekt. Sie zeigt, wie sich ein Garn in den eigenen Händen verhält – nicht auf der Banderole und nicht bei jemand anderem. Wer ohne Maschenprobe strickt, strickt blind. Das ist in Ordnung bei einem Tuch oder einer Decke, wo Passform keine Rolle spielt. Aber bei einem Pullover führt kein Weg daran vorbei. Zehn Reihen im geplanten Muster stricken, waschen, trocknen, nachmessen. Eine halbe Stunde Aufwand, die 30 Stunden Frust ersparen kann. Diese Rechnung lohnt sich immer.

Perfektion ist kein Ziel

Ungleichmäßige Maschen, kleine Lücken, eine Beule hier und da – alles normal. Gerade am Anfang sieht kein Maschenbild gleichmäßig aus, und das muss es auch nicht. Die Gleichmäßigkeit entwickelt sich mit der Zeit von alleine: Die Fadenspannung wird kontrollierter, die Hände werden lockerer, die Anspannung lässt nach. Stricken ist Muskelgedächtnis. Je mehr man strickt, desto gleichmäßiger wird es. Perfektion gibt es auch nach 30 Jahren nicht – und sie ist auch gar nicht das Ziel.

Anleitungen lesen ist eine Fremdsprache

Strickanleitungen haben ihre eigene Sprache: Re für rechte Masche, Li für linke, Zun für Zunahme. Das kann am Anfang überwältigend wirken, aber man lernt es. Der beste Ansatz: Die Anleitung einmal komplett durchlesen, bevor man anfängt. Stellen markieren, die unklar sind. Und dann Schritt für Schritt vorgehen, nicht drei Absätze auf einmal umsetzen wollen.

Die Maschenprobe richtig anschauen

Maschenproben sehen nie schön aus, wenn man sie direkt vors Auge hält, gegen grelles Licht oder von zwei Zentimetern Entfernung fotografiert. Und trotzdem tun viele genau das und wundern sich über Unregelmäßigkeiten. Eine Maschenprobe ist ein Werkzeug, kein Kunstwerk. Das spätere Strickstück wird am Körper getragen und aus Entfernung betrachtet – nicht durchs Fenster gehalten. Also: Maschenprobe an eine Pinnwand hängen, zwei Schritte zurücktreten, dann noch einmal hinschauen. Und nach dem Waschen sieht es nochmal deutlich besser aus.

Mut zum einfachen Projekt

Es ist keine Schande, sich mit einem Schal wohlzufühlen. Einfache Projekte haben ihren Wert, und sie sind der solideste Einstieg. Mein allererstes Strickstück war eine Decke, die nie fertig wurde – nur glatt rechts, einfarbig, dunkelblau. Mein Hund hatte sie in seinem Körbchen. Ich war stolz darauf. Ein Schal, ein Tuch, eine Mütze – etwas, das kein Zusammennähen braucht. Von dort aus kommt das Zutrauen für größere Projekte ganz von alleine.

Gutes Material macht den Unterschied

Es muss nicht teuer sein, aber es sollte auch nicht das Billigste sein. Extrem günstige Garne geben dem Strickstück weder Halt noch Freude. Der Unterschied zwischen einer guten Merino-Wolle und reinem Acryl ist sofort spürbar – im Strickgefühl und im Ergebnis. Ein gutes Grundgarn mit ordentlichem Wollanteil ist der beste Einstieg. Nicht die 30-Euro-Wolle, aber auch nicht die 1-Euro-Wolle. Der Sweet Spot liegt dazwischen.

Such dir Unterstützung

Manchmal funktionieren Dinge aus Videos und Anleitungen allein nicht. Dann braucht es jemanden, der über die Schulter schaut und sagt: „Halt die Nadel so." Eine Minute persönliche Hilfe kann drei Tage Frustration auflösen. Das kann eine Strickgruppe sein, ein Kurs, ein Live-Format – die Form ist egal. Stricken ist Verbindung. Und manchmal reicht ein kurzer Satz von der richtigen Person, um alles zu klären.

Passende Garne aus dem Shop

Für den Einstieg eignet sich Kremke The Merry Merino 70 oder The Merry Merino 110 – beide sind weich, gut zu handhaben und in einer großen Farbpalette erhältlich. Wer beim Stricken auch das richtige Werkzeug nutzen möchte: Das Cocoknits Ruler and Needle Gauge Set hilft beim Bestimmen der Nadelstärke, und der Cocoknits Row Counter macht das Zählen beim Musterstricken einfacher.

Claudia Wersing
Getaggt: Technik