Du musst dich nicht dafür rechtfertigen, welches Garn du kaufst, wie du deine freie Zeit verbringst oder für wen du strickst. Auch dein Geschmack und deine Freude am Stricken brauchen keine Zustimmung von außen. Natürlich zählen dein Budget und gemeinsame Absprachen. Aber daraus entsteht keine Pflicht, jede persönliche Entscheidung vor anderen zu verteidigen.

Der Anlass für diese Gedanken waren Kommentare unter meinen Videos über kostbare Garne. Ich habe mittlerweile ein dickes Fell. Was mich ärgert: wenn Menschen aus unserer Community sich auf ein Projekt freuen, vielleicht lange dafür sparen, und sich diese Freude dann kleinreden lassen müssen.

Das gilt genauso für alle, die ein günstiges Garn wählen. Niemand muss erst die richtige Wolle kaufen, um dazuzugehören.

1. Dein Geld: Du entscheidest, was es dir wert ist

Vielleicht zeigst du dein neues Garn und sagst sofort dazu, dass es im Angebot war. Oder du erzählst lieber gar nichts davon, weil du keine Lust auf die Diskussion hast. Dabei hast du dich gerade noch über deinen Einkauf gefreut, und plötzlich ist da ein schlechtes Gewissen.

Ausgaben müssen ins eigene Budget passen. Wenn du mit jemandem gemeinsame finanzielle Absprachen hast, gelten die selbstverständlich auch für Wolle. Innerhalb dieser Möglichkeiten darfst du aber selbst entscheiden, was dir etwas wert ist.

Ein kostbares Garn kann für manche ein lang ersehnter Wunsch sein und für andere überhaupt nicht infrage kommen. Beides darf so sein. Aus meiner persönlichen Preisgrenze entsteht keine Regel für alle anderen.

Wie sich ein teures Garn nach Jahren im Gebrauch schlägt, habe ich im Artikel Ist teures Garn sein Geld wert? aufgeschrieben.

Und wenn du mit einem preiswerten Garn gerne strickst und dein fertiges Stück gerne trägst, brauchst du diese Wahl genauso wenig zu verteidigen. Die Qualität eines Garns kann man untersuchen. Deinen Wert liest niemand an der Banderole ab.

Ich verkaufe selbst Garne, auch kostbare. Aber niemand schuldet mir einen Kauf oder eine Erklärung dafür, etwas anderes zu nehmen.

2. Deine Zeit: Ein Nachmittag für dich zählt

Vielleicht hast du dir einen Nachmittag zum Stricken vorgenommen. Dann kommt eine Einladung, und plötzlich denkst du: Eigentlich habe ich ja Zeit. Ich wollte nur stricken.

Dieses kleine Wort „nur“ macht aus etwas, worauf du dich gefreut hast, eine Beschäftigung, die offenbar jederzeit weichen könnte. Als wäre ein Nachmittag erst dann richtig verplant, wenn noch jemand anderes daran beteiligt ist.

Ich liebe am Stricken auch die Zeit alleine. Ich muss nicht reden oder auf etwas antworten. Meine Hände haben etwas zu tun, und ich kann mit meinen Gedanken sein. Diesen Wunsch nach Ruhe muss ich nicht erst mit völliger Erschöpfung begründen.

Natürlich gibt es Verpflichtungen. Aber freie Zeit muss nicht grundsätzlich verfügbar bleiben, bis jemand anderes einen Plan dafür hat. Du kannst einen Menschen gerne haben und trotzdem den Abend für dich brauchen.

Und du musst danach kein fertiges Strickstück vorzeigen. Vielleicht hast du ein paar Reihen gestrickt oder etwas aufgetrennt. Der Nachmittag durfte dir trotzdem etwas geben.

3. Dein Können: Du schuldest niemandem ein Strickstück

Jemand sieht deinen Pullover und möchte auch so einen. Würde sogar die Wolle bezahlen. Schließlich strickst du doch sowieso.

Dass du stricken kannst, bedeutet aber nicht, dass deine nächsten Abende damit schon vergeben sind. Vielleicht hast du eigene Projekte, auf die du dich freust. Vielleicht möchtest du genau dieses Material verarbeiten und am Ende selbst tragen.

Darüber habe ich auch im Artikel Warum ich nichts mehr verschenke, das ich gestrickt habe gesprochen. Meine Entscheidung muss dabei nicht deine sein. Wenn du gerne für andere strickst und dich das erfüllt, dann mach das.

Die Frage ist: Möchte ich dieses Projekt wirklich? Freue ich mich darauf? Oder sage ich zu, weil ich glaube, ich müsste?

Du brauchst keine enttäuschende Erfahrung als Begründung, um einen Strickwunsch abzulehnen. Du darfst einfach schon etwas Schönes mit deiner Zeit vorhaben. Etwas für dich.

4. Dein Geschmack: Dein Stück muss dir gefallen

Wenn jemand ein selbstgestricktes Stück zeigt, sehe ich als Designerin die Arbeit dahinter. Da wurde Garn ausgesucht, über Farben nachgedacht, gestrickt, vielleicht wieder aufgetrennt und etwas verändert. Jemand hat aus einer Idee ein eigenes Stück gemacht.

In diesem Moment ist mein persönlicher Geschmack nicht der Maßstab. Ich muss diese Farbe nicht selbst tragen wollen, um die Arbeit anzuerkennen. Und ich muss einen Pullover nicht für meinen Kleiderschrank passend finden, um mich mitzufreuen.

Eine fachliche Frage ist etwas anderes. Wenn du wissen möchtest, weshalb eine Kante sich wellt oder wie du eine Passform verändern kannst, helfe ich gerne. Ein Foto voller Freude ist aber keine automatische Einladung, ungefragt alles aufzuzählen, was ich anders gemacht hätte.

Vielleicht entschuldigst du dich schon vorsichtshalber für die Farben auf deinem Foto. Oder schreibst dazu, dass das Modell natürlich Geschmackssache ist. Du musst deine Begeisterung nicht kleiner machen, um möglichen Bemerkungen zuvorzukommen.

Ich wünsche mir eine Community, in der Menschen sich trauen, ihre eigenen Entscheidungen zu zeigen. Auch dann, wenn sie ganz anders aussehen als meine.

5. Deine Freude: Gerne stricken ist Grund genug

Warum stricken, wenn man im Laden etwas billiger kaufen kann?

Weil ich gerne stricke. Ich möchte das Material durch meine Hände laufen lassen, eine Farbe aussuchen, ein Muster wachsen sehen. Wer nur das fertige Kleidungsstück und seinen Preis betrachtet, sieht diesen Teil vielleicht nicht. Ich erzähle gerne davon. Aber ich muss nicht erreichen, dass der andere dasselbe empfindet.

Du darfst neue Techniken lernen. Du darfst zum fünften Mal denselben Pullover stricken. Ein kleines Projekt darf klein bleiben, und aus deiner Freude muss kein Geschäft werden. Du musst damit niemanden beeindrucken.

Vielleicht merkst du beim nächsten Wollkauf oder bei der nächsten Einladung, dass du schon wieder eine Erklärung vorbereitest. Dann lohnt sich ein kurzer Moment: Musst du dich gerade tatsächlich mit jemandem abstimmen? Möchtest du von deiner Begeisterung erzählen? Oder glaubst du, erst beweisen zu müssen, dass du diese Freude haben darfst?

Ich erkläre gerne, was mich am Stricken begeistert. Aber meine Freude braucht keine Genehmigung. Und deine auch nicht.

Wo gerätst du beim Stricken am ehesten ins Rechtfertigen? Beim Geld, bei deiner Zeit oder bei dem, was du gerne stricken möchtest? Schreib mir deine Erfahrungen in die Kommentare.

Diese Gedanken gehören zu Schattenmaschen Folge 72: 5 Dinge, für die du dich beim Stricken nicht rechtfertigen musst.

- Claudia Wersing